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Kurzbeschreibung

Porträts von Nomi Baumgartl. Selbstaussagen, ausgew. von Sybille Brantl
[Vorzugsausgabe: signiert und nummeriert, mit Originalphoto, 69 € / 119 SFR]


Es begann mit einem Auftragswerk: Wolfgang Koeppen sollte 1986 für das »Zeit«-Magazin porträtiert werden. In jenem Jahr war es auch, dass die Fotografin Nomi Baumgartl zum ersten Mal den privaten Kosmos des Schriftstellers in der Widenmayerstraße 45 betrat.

Der Schriftsteller schrieb selbst Texte zu den entstandenen Porträts: »Ich über mich« – schelmische Eulenspiegeleien.


Rezensionen
Karl Markus Michel: Der Schatten der Taube des Dichters

Wolfgang Koeppen in Bildern und Maskeraden

Am trefflichsten ist das Porträt auf dem Umschlag: die alte Olivetti, sonst nichts. Aber wie sie dasteht – gedrungen, gemütlich fast, und trotzdem gefährlich, wie auf der Lauer. Der Deckel über den Typenhebeln ist nicht ganz geschlossen, er wirkt wie der Oberkiefer eines ausgestopften Reptils, das vielleicht doch zuschnappen wird. Ein Rätselding, ein Hausfetisch. Und gleichwohl ein ganz funktionales Werkzeug. Man weiß, wozu es da ist. Das eingespannte Blatt Papier ist sehr weiß und leer. Deutlicher, bohrender kann für einen Schriftsteller die Mahnung nicht sein.

Koeppens Quälgeist (später gesellte sich noch ein elektronischer Dämon hinzu, der ihn auch nicht musenmäßig küßte) ist physiognomisch fast so interessant wie Koeppen selbst. Die Porträts von Nomi Baumgartl zeigen beider Senilità. Der erste Komplex von Fotografien (ein Auftrag des „Zeit“-Magazins) führt den Betrachter 1986 in Koeppens Münchner Wohnung in der Widenmayerstraße 45, wo er über dreißig Jahre lebte, bis zu seinem Tod. Er ist achtzig. Der alte Mann und das Meer der Bücher, Zeitungen und leeren Blätter, in dem er fast versinkt. Er scheint das Versinken zu spielen, zu genießen; es macht ihm vermutlich auch Spaß, daß sein Quälgeist für ein paar Stunden durch einen anderen, den Fotoapparat, beherrscht wird.

Im zweiten Komplex begleitet die Fotografin den Schriftsteller (im Auftrag der „Weltwoche“, 1987) auf eine Reise, deren Ziel er selbst bestimmen konnte. Er wählte – natürlich – Venedig. Venedig im Winter. Das von diesen Aufnahmen bediente Venedig-ist-anders-Klischee wird dadurch gemildert, daß sieben der achtzehn Bilder, auf denen Koeppen erscheint, ihn von hinten zeigen. So folgen wir gleichsam seinen Wegen durch die leere Stadt und sehen durch ihn hindurch, was er sah – zum Beispiel den Rialto, über den er in dem damals verfaßten (und in diesem Band abgedruckten) Text „Gestern in Venedig“ die hintersinnigen Sätze schrieb: „Rialto, die Treppe des Shylock. Wie sehr Shakespeare, der nie in Venedig gewesen ist, das gesehen hat … Ich begegnete Shylock …“

Das Bild, das ihm am meisten entspricht, ist das seines Schattens, auf dem, ganz verwundert, eine Taube steht. Sie begegnete Koeppen, als dieser Shylock traf.

Im dritten und umfangreichsten Komplex verweilen wir wieder – unhöflich lange, scheint mir – in der Münchner Wohnung. Die Fotografien sind nicht datiert, vermutlich entstanden sie in den frühen neunziger Jahren. Koeppen ist älter geworden. Auch diesmal spielt er uns etwas vor, aber fast mürrisch, präsentiert sich bald als Greis, bald als Clown, als Voyeur oder als Grübler, als Lebemann oder Clochard. Ich kann nicht verhehlen, daß ich beim Betrachten dieser Bilder immer gereizter wurde. Warum bringt eine Fotografin einen berühmten Mann dazu, sich derart zu exhibitionieren? Wer jemals Koeppen in seiner Wohnung oder in einem Café traf, weiß: Was diese indiskreten Fotos zeigen, ist bestenfalls Alberei, die der Subtilität seiner täglichen Maskeraden hohnspricht, schlimmstenfalls aber die inszenierte Verletzung der Privatsphäre und Würde eines alten Menschen.

Sybille Brantl hat aus drei einschlägigen Büchern Texte von Koeppen ausgewählt, hauptsächlich Selbstzeugnisse, und zwar aus mehr als vierzig Jahren. Sie stehen nun zwischen den Fotos. (Wann werden die Verleger großformatiger Bücher begreifen, daß man nicht jeden Text beliebig aufblasen kann, ohne seinen Inhalt zu verändern? Als Plakattext gedruckt, wird der sublimste Gedanke banal.) So unsinnig eine solche Bekenntnisblütenlese im Falle Koeppens ist – hier erscheint sie doch gerechtfertigt zu sein, weil einige dieser Äußerungen sich gegen die Taktlosigkeit der Bilder verwahren. Zum Beispiel diese: „Bald müßte jeder Schriftsteller einen Schauspieler haben, der ihn spielt, sein der Menge sympathisches Gesicht zeigt … Ich habe mich lange dagegen gewehrt, öffentlich aufzutreten … Ich sehe mich als Außenseiter, den anderen etwas unheimlich.“ Das sollte er auch nach seinem Tod bleiben dürfen. Versöhnlich stimmen mich deshalb die Bilder, in denen der Schriftsteller sich durch seine beiden Quälgeister und seine beiden Brillen vertreten läßt.

(Karl Markus Michel, Rezension in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.3.1998, S. V)


http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-der-schatten-der-taube-des-dichters-11321233.html

Der Tagesspiegel: München, Widenmayerstraße 45

Guck, da wohnt Koeppen!, riefen sich einst die literaturverliebten Studenten auf ihren Isarufer-Spaziergängen zu – und was auch anderes als herrschaftlich wohnen konnte man in diesen prächtigen Gründerzeithäusern? Nein, nicht wirklich wohnen. Gehaust hat Wolfgang Koeppen eher in den vier Zimmern, die er von 1967 bis 1984 mit seiner trunksüchtigen Frau Marion teilte und irgendwann auch mit Hund und Vogel. An Wasserbottiche erinnern sich Besucher, an überall verstreutes Vogelfutter, verstreut zwischen vergilbenden Zeitungsgebirgen und zwischen Regalen, auf denen sich die Bücher schwindlig bogen wie in einem zum ewigen Augenblick gefrorenen Sturm.

Spät in Koeppens Leben besuchte ihn ein paarmal die Fotografin Nomi Baumgartl, sie hatte einen Auftrag vom „Zeit“-Magazin und später einen von der „Weltwoche“, und der in sich still gewordene Dichter ließ sie ein. Ein ganz den schönsten Künsten verpflichteter, kleiner Verlag hat aus der bildnerischen Ausbeute mancher Wohnungswanderung und verstreuter Gedanken Koeppens einen hinreißenden Erinnerungsband gemacht: Er zeigt einen Menschen, in seiner ganzen Haltung das Alleinsein gewohnt, einen Menschen mit wachem Blick. Nur in die Kamera sieht er fast nie. jal

(Rezension in: Der Tagesspiegel, 30.3.2006)


http://www.tagesspiegel.de/kultur/muenchen-widenmayerstrasse-45/697918.html