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Kurzbeschreibung

Hrsg. von Eva Bauer


Vom Sankt-Stephansturme

… Der Himmel wird röter und legt auch schon ein ganz schwaches Rot auf die Steine und Rippen des Turmes in der Gegend, in welche wir stehen. Selbst durch Teile der Stadt läuft hie und da ein graues Schimmern; sie wird immer größer und streckt ihre Glieder, sie gleichsam im Morgenschlummer dehnend, über Hügel und Täler hinaus. Der Himmel wird nun glühend rotgelb.

Die Nebel sind von der Donau verschwunden, und sie geht nun wie ein stiller goldener Bach dahin. In der Stadt blitzen hie und da Funken auf, es sind Fenster, an denen sich die Glut des Morgenhimmels fängt. In ihren Gassen wird das Rasseln häufiger, in anderen, verworrenen Tönen beginnt es sich zu regen, und dort und da erbrauset es sanft wie Atemzüge eines Erwachenden. Auch einzelne Rauchsäulen steigen gegen den Himmel. Jetzt geht sachte ein anschwellender Blitz auf das Steinwerk unseres Turmes.

Die Sonne ist es, welche die ersten Strahlen auf ihn sendet. Die Stadt trifft sie noch nicht. Bald wird auch sie begrüßt, und dieser Anblick ist unbeschreiblich schön. Von den tausend und tausend Fenstern glänzt es wunderbar. Zuerst entzündet sich irgendein Teil, dann verbreitet sich der Brand, von Gasse zu Gasse lodert es gleichsam, endlich glüht alles, und darüber funkeln die Turmkreuze und Kuppeln. In einem großen Teil des Jahres ist bei dem Eintreten dieses Schauspiels die eigentliche Stadt noch keineswegs erwacht. Nur Fremde sind es, die kamen, ihr Zufuhr zu bringen, und die sich in ihr bewegen, Leute der Vorstadt sind es, die auch herbeieilten, ihre Geschäfte vorzubereiten.

Nach und nach mehren sich die Zeichen des Lebens. Der aufsteigenden Rauchsäulen werden mehrere, bis ein allgemeiner leichter Rauch wie ein trüber Schleier gegen den Morgenhimmel emporwallt. Einzelne sich bewegende Menschen werden in den Gassen wie schwarze Punkte sichtbar, die sich regen und durcheinander schießen, sie werden schnell ihrer viele und mehren sich stets, neue Laute schlagen herauf, das Rollen, Rasseln und Prasseln wird immer dichter, das verworrene Tönen ergreift alle Stadtteile, gleichsam als ob sich Häuser und Gassen rührten, bis ein einziges gleichmäßiges, dumpfes Brausen unverändert durch die ganze Stadt geht. Sie ist erwacht.

Die Sonne hat sich indes einsam und lächelnd wie ein silberner Schild höher an dem Himmel geschwungen und schaut auf alles herab. Diese Zeit ist es, in der man das Schauspiel zu seinen Füßen am ungetrübtesten betrachten kann, ehe der Wind sich hebt und der Staub seinen schmutzigen Schleier über ganze Teile der Stadt und den Schmelz der Fernsicht legt …