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Kurzbeschreibung

Walgau und Walsertal liegen im Herzen Vorarlbergs. Momentan gibt es im Walgau Bestrebungen, näher zusammenzurücken; das Walsertal hat dieses Zusammenrücken schon vor einigen Jahren mit der Proklamierung als Biospährenpark vollzogen. Biosphärenpark, Industriegebiet, uralte Kulturlandschaft, Tradition und Fortschritt auf engstem Raum zusammengepackt, ist immer spannend.
Am Beispiel der Lebensproduktion werden diese verschiedenen Sicht- und Handlungsweisen in Bildern, Geschichten, Fakten und lyrischen Texten analysiert und kommentiert, aber nicht gewertet und bewertet.

Fanni Amann hat mit ihrer Küche Vorarlbergs kulinarische Tradition entscheidend mitgeprägt. Ihre Rezeptsammlung ist wahrscheinlich jenes Buch, das im klassischen Vorarlberger Haushalt neben der Bibel am häufigsten vertreten ist. In welchem der beiden Bücher man häufiger blätttert, offenbaren vielleicht die Gebrauchsspuren, wobei man beim Kochen halt schmutzige Hände hat, beim Beten nicht.


Rezensionen
Ingrid Bertel: Haselhuhn, Lampreten und Lazerolen

Hinter dem Emmi-Logo steigt die Gamsfreiheit auf wie ein Werbesujet, und der massige Bau der Firma Suchard mit ihrem markanten Schriftzug scheint sich Valkastiel und Gottvaterspitze förmlich einzuverleiben. Reinold Amanns Fotografie holt etwas ins Bewusstsein, das wir gerne verdrängen: Im Walgau ist traditionelle Landwirtschaft ein Auslaufmodell. Hier hat sich Lebensmittelindustrie in einer beispiellosen Konzentration angesiedelt. „Getränkehersteller von Weltruf (Red Bull, Rauch) füllen hier ihre Dosen und Flaschen. Das dazu benötigte Alublech wird sinnvollerweise gleich nebenan in Form gebracht, damit nicht unnötig Luft durch die Gegend kutschiert werden muss. Die berühmte Milkakuh hat in Bludenz ihren Stall, und zwischen Frastanz und Nenzing wird stündlich von der Firma 11er eine ganze LKW-Ladung Kartoffelfertigprodukte produziert. Zwei Brauereien versorgen die durstigen Kehlen mit Gerstensaft, und einer der größten Schweizer Molkereibetriebe (Emmi) hat hier sein Auslieferungslager. Der Milchhof Vorarlberg – mit Hauptsitz in Feldkirch – hat in den letzten Jahrzehnten bis auf wenige Ausnahmen fast alle ehemaligen kleinen Sennereigenossenschaften übernommen. In Feldkirch wurde 2004 die modernste Abfüllanlage Österreichs für Trinkmilchprodukte in Betrieb genommen.“

Mit Kamera und Laptop folgt Reinold Amann den Spuren einer Gourmet-Ikone, der Köchin Fanni Amann, um herauszufinden, was sie verändert hat im Walgau und im Walsertal – und vor allem: wie es sich verändert hat. Das schließt Verbesserungen nämlich nicht aus.

Schnifner Schnitzel
Schnifis ist ein „Tor auf dem Weg ins Walsertal“; hier liegt das legendäre „Schnifner Bädle“, das Reich von Fanni Amann. Sie hatte in Frankreich und Italien kochen gelernt und wusste, was einen verwöhnten Gaumen entzückt. Aber sie war auch bodenständig genug, ein noch heute bekanntes regionales Kochbuch zu schreiben. Und recht spitz vermerkt Reinold Amann ein weiteres Erfolgsrezept: „Bürgertöchter Vorarlbergs haben bei ihr vor dem Heiraten traditionellerweise einen Kochkurs besucht und sind so auf das Leben am Herd vorbereitet worden.“ Fanni Amann ihrerseits hatte eine andere Vorstellung vom Leben. Wenn schon Herd, dann wollte sie die Erfolge auch in barer Münze kassieren. Die elegante, zierliche Frau verzichtete auf einen Ehemann, der ihr hätte dreinreden können.

Dora und Anika
Immer wieder trennen Seiten aus ihrem Kochbuch Amanns Bildstrecken. Was im Walgau an Lebensmitteln produziert wird, ist als Rezept, aber auch als (lebende) Ware sichtbar. Dora war bis zu ihrem sanften Ableben eine solche. Sie verbrachte ihre Tage in Thüringerberg, gab in ihrem 22-jährigen Leben mehr als 160.000 Liter Milch und schenkte acht Kälbern das Leben. Heute lebt eine Durchschnittskuh noch fünf Jahre. Anika ist jetzt vier. Und Anika ist „Miss Europa“ - also die schönste Kuh weit und breit. Sie kommt aus Schlins, gibt 10.383 kg Milch pro Jahr. Und wer so viel leistet, wird auf der Wiese nicht mehr satt: „Um diese Milchmenge zu produzieren, muss sie jeden Tag 22 kg Grassilage, 22 kg Maissilage und 9 kg Kraftfutter fressen, den Flüssigkeitsbedarf deckt sie mit ca 80 bis 120 Liter Wasser.“

Wenn die Tiere die Wiesen gar nicht mehr kennen, kann das allerdings verhängnisvoll für sie sein, weiß Amann. „So ist einem vielversprechenden Jungstier seine ‚Unkenntnis’ in Bezug auf frisches Futter zum tödlichen Verhängnis geworden. Er hat bei seinem ersten Alpurlaub im Nenzinger Himmel den giftigen Eisenhut probiert und ist daran elend zugrunde gegangen.“

„Da spitzt selbst der Hase die Löffel“
Amann beobachtet Menschen, die an Plakatwänden vorbeigehen. Lebensmittel werden da inmitten idyllischer Naturszenerie präsentiert. Und diese betörend schöne Natur gibt es. Rehe, die über einen Wiesenkamm laufen, Fische im Algengewirr, herbstliche Obstbäume. Ist diese Landschaft gefährdet? Der Barocklyriker Laurentius von Schnifis erzählt von Tieren, die zu seiner Zeit gerne gespeist wurden: Haselhuhn, Rebhuhn, Krebs, Lampreten. Heute finden die sich alle auf der Roten Liste, ebenso wie die Tiere aus Fanni Amanns Kochbuch, die Waldschnepfe zum Beispiel. Und bei den Früchten sieht es nicht viel besser aus. Oder haben sie je von Lazerolen, einer sehr aromatischen Apfelsorte gehört?

„wild/ ganz wild/ wildgans“
Reinold Amann ist ein verspielter Mensch mit Lust an der Ironie, und das zeigt sich am deutlichsten an den Gedichten, die er zwischen seine Bilder streut. Es zeigt sich aber auch an seinem Blick auf Tradition. Die muss nämlich nicht immer nur wunderbar sein. Dem „Obstler in der Maresiflasche“ etwa braucht niemand nachzutrauern. Er stammt noch aus jenen Zeiten, da Schnaps in erster Linie Medizin und Rauschmittel sein sollte. Um Geschmack ging es nicht: „Wenn Obst für keinen anderen Zweck mehr verwendet werden konnte, wurde es eingeschlagen und in den kalten Wintertagen zu Schnaps gebrannt. Viele Brennereien verfügten nicht einmal über das heute übliche Wasserbad, die Maische brannte am Boden an, die dabei entstandenen ‚Röstaromen’ trugen nicht unbedingt zur Hebung der Qualität bei.“

Bis etwa 1960 wurde Schnaps im Walgau ausschließlich für den eigenen Bedarf gebrannt. Das hat sich geändert – und damit auch die Qualität. Heute wird angefaultes Obst aussortiert; der Zeitpunkt des Einmaischens wird penibel gewählt, für die Gärung Reinhefe verwendet. Der Obstler aus der Maresiflasche ist Geschichte, der sortenreine Edelbrand eine geistvolle Art, Früchte zu genießen.

(Ingrid Bertel, Rezension in: Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, 16.10.2013)


http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/haselhuhn-lampreten-und-lazerolen-2013-in-einem-foto-essayband-folgt-reinold-amann-den-spuren-der-legendaeren-koechin-fanni-amann-zu-kulinarischen-entdeckungen

Rubina Bergauer: Zwischen Idyll und Boshaftigkeit

"Nur schöne Bilder zu machen ist fad. Das gibt's schon zur Genüge. Die Zwiespältigkeit einzufangen, die Zweideutigkeit zu porträtieren, das ist mir wichtig", sagt Reinold Amann mit tiefer Stimme. Barfüßig sitzt er am Wohnzimmertisch. Vor sich einen kleinen Stapel großformatiger Bücher. Seine Werke. Der 59-Jährige fotografiert. Und schreibt Texte zu seinen Bildern. Oder "verbildert" Texte.

Illusion und Wirklichkeit
Amann setzt sich seine Brille auf, blättert durch eines der Bücher. Er sei ein kritischer Mensch, sagt er. Ihn würde der Bruch zwischen Illusion und Wirklichkeit interessieren. Im Leben und in seinen Fotos. Für sein erstes Buch begleitete Amann den Bau einer Orgel: vom Brett bis hin zum fertigen Instrument. "Ansichten einer Königin" nannte er das fertige Werk. "Dieses Thema war für mich naheliegend, da ich gleich neben der Kirche wohne", sagt der Autor in beiläufigem Tonfall. Die Bilder seinen in Schwarz-Weiß gehalten und durchaus sehr grafisch. Der Rönser fährt sich kurz durch den Bart. Zieht ein anderes Buch aus dem Stapel. Schiebt eine kleine Blumenvase vorsichtig zur Seite und breitet den Band auf dem Holztisch aus.

Schräge Bilder
In "Du Ländle meine teure Heimat" hat der hauptberufliche Lehrer die Landeshymne in eigener Interpretation bebildert. Die Idee dazu kam ihm während eines Spazierganges mit seinem Hund. "Bei näherer Betrachtung ist das ja eigentlich ein wilder Text", bemerkt Amann und schmunzelt. Deshalb seien seine Bilder zur Hymne auch etwas schräg. Auf dem Buchcover ist eine Person zu sehen, die über Gelände der Autobahnbrücke balanciert. Am Grenzübergang zur Schweiz, in Bangs. Ein Kletter-Kollege des Autors habe sich zur Verfügung gestellt. "Ich kann mich erinnern, dass der Schweizer Zollbeamte ziemlich aufgebracht gewesen ist wegen des Balanceakts. Obwohl es ihn eigentlich nichts anging, wir befanden uns ja auf heimischem Boden", berichtet der Familienvater und Opa und grinst schelmisch.

Mit Hilfe der Fotografie will der Künstler Widersprüche aufzeigen und Klischees enthüllen. "Jeder sieht etwas anderes in den Bildern. Ich mag diese Mehrdeutigkeit, denn ich will nicht direkt mit dem Finger auf etwas zeigen. Meine persönliche Haltung möchte ich nicht zu offensichtlich preisgeben, jeder soll sich seine eigenen Gedanken machen", erläutert der Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften seine Motivation.

Befragt, ob seine kreative Arbeit ein Ausgleich zum Unterrichten sei, überlegt Amann. Sein Blick schweift kurz zum Fenster mit Aussicht auf den Garten, dann antwortet er: "Nein, das ist vielmehr eine Ergänzung. In den Büchern greife ich zum Beispiel auch biologische und ökologische Themen auf. Die Auseinandersetzung damit ist nur eine etwas andere als sonst.

Auf Fannis Spuren
In seinem neuen Bildband "Walgau und Walsertal - auf Fannis Spuren", der kommenden Mittwoch präsentiert wird, geht es um den Wert der Nahrung und wie diese in unseren Breitengraden produziert wird. "Die Fanny Amann ist sozusagen der rote Faden, der sich durch den Bildband zieht. Sie ist quasi eine Institution und steht für das Alte, die Tradition. Auf der anderen Seite haben wir den Walgau als Induatriegebiet, wo große Konzerne wie Rauch, 11er und Red Bull Waren produzieren. Dieser Zwiespältigkeit möchte ich nachgehen", erläutert Amann die dem Buch zu Grunde liegende Idee.

Starker Tobak
Sein Ziel sei, dass seine Bilder Geschichten erzählen und die Texte Bilder im Kopf entstehen lassen. Kritische Gedanken verpackt Reinold Amann geschickt in Prosa, das Geschriebene kann auf verschiedenen Ebenen gedeutet werden. Er liebe Wortspielereien, sagt der Autor. Das Schlachten von Nutztieren sei ein kräftiges Thema in "Walgau und Walsertal - auf Fannis Spuren". "Die Bilder in der Metzgerei entstanden an einem Montagmorgen. Da haben 34 Sauen ihr Leben gelassen. Das ist starker Tobak, aber mir ist es wichtig, auch da hinzusehen. Die Leute wollen heutzutage verdrängen, wo das Fleisch aus dem Supermarkt herkommt", sagt der 59-Jährige. Und er betont, dass ihm, als ökologisch denkenden Menschen, dieses Thema am Herzen liegt.

Blick hinter Klischees
Jenen, die nur die Idylle sehen wollen, in einer Illusion leben, will Amann die Realität vor Augen führen. Dabei ist ihm allerdings auch Fairness gegenüber den Fotografierten wichtig: "Die Menschen in den Bildern kenne ich meist persönlich. Der porträtierte Metzger zum Beispiel ist stolz auf sein Handwerk. Ich selbst war überrascht, mit welcher Professionalität das alles über die Bühne gegangen ist. Von Chaos keine Spur." Er wolle mit seinen Fotos keinesfalls bewerten, sondern einfach einen Blick hinter die Klischees werfen. "Wer zum Beispiel Fleisch isst, sollte die Tatsache anerkennen, dass das Tier dafür geschlachtet werden muss", betont Amann.

Acht Jahre folgte Reinold Amann "Fannis Spuren". Besuchte kleine Bauernhöfe und große Industriestätten. Auf der Alp, dem Hof, einem Zeltfest und in der Stadt fotografierte er Menschen, Tiere und Natur. Immer mit dem gewissen Blick für die Ironie des Alltäglichen. "Ich mache mich über niemanden lustig. Ironie liegt bei näherer Betrachtung in vielen Dingen. Das ist vielleicht auch ein Spiel zwischen Idyll und Boshaftigkeit. Ich nenne dies das fotografische Kabarett", formuliert es der Rönser und lächelt.

Der Illusion, dass er mit seinen Bildern etwas in der Welt verändern kann, ist er nicht verfallen. Aber jemanden vielleicht zum Nachdenken anzuregen, schadet ja auch nicht. Auf die abschließende Frage, wie denn das Foto mit dem Fisch entstanden sei, antwortet der Mittelschullehrer beiläufig: "Ich bin auch Tauchlehrer. Lange Zeit wollte ich unter Wasser nicht fotografieren und diese Welt für mich behalten. Doch es sind dann einfach starke Bilder entstanden."

(Rubina Bergauer, Neue am Sonntag, 6. Oktober 2013, S. 24)


Feldkircher Anzeiger: Kulinarische Entdeckungsreise

Rezepte findet man keine. Auch wenn der Untertitel des Buches eine "kulinarische Entdeckungsreise" verspricht. Dennoch ist es eine solche, wenngleich eine völlig andere, als man vielleicht erwartet.

Reinold Amanns neuer Bildband "Walgau und Walsertal. Auf Fannis Spuren" ist eine stimmungsvolle Ergänzung zum im Ländle sattsam bekannten Kochbuch von Fanni Amann, die mit ihrer Küche Vorarlbergs kulinarische Tradition entscheidend mitgeprägt hat. Mit seiner Kamera folgt Reinold Amann den Spuren der Gourmet-Ikone um herauszufinden, was sie verändert hat im Walgau und im Walsertal - und vor allem: Wie es sich verändert hat. Was im Walgau und Walsertal an Lebensmitteln produziert wird, ist als (lebende) Ware sichtbar. Und anhand kurzer Texte erlesbar.

Ein Beispiel? Hinter dem Emmi-Logo steigt die Gamsfreiheit auf wie ein Werbesujet, und er massige Bau der Firma Suchard mit ihrem markanten Schriftzug scheint sich Valkastiel und Gottvaterspitze förmlich einzuverleiben. Reinold Amanns Fotografie holt dabei etwas ins Bewusstsein, das wir gerne verdrängen: Im Walgau erscheint die traditionelle Landwirtschaft langsam zu einem Auslaufmodell zu werden. Hier hat sich Lebensmittelindustrie in einer beispiellosen Konzentration angesiedelt. Amann beobachtet Menschen, die an Plakatwänden vorbeigehen. Lebensmittel werden da inmitten idyllischer Naturszenerie präsentiert. Und diese betörend schöne Natur gibt es. Rehe, die über einen Wiesenkamm laufen, Fische im Algengewirr, herbstliche Obstbäume. Und natürlich gibt es sie auch noch: die traditionellen Lebensmittelverarbeiter, die Metzger, die Bauern, die Senner.

(Rezension in: Feldkircher Anzeiger, 2. Oktober 2013)