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Kurzbeschreibung

Photogr.: Gerhard Trumler
Essay: Ingeborg Bachmann
Text: Adalbert Stifter
[Bunte Steine : Turmalin] / Adalbert Stifter



Unter den jungen Photographen Österreichs gibt es tausend Talente. Die ältere Garde aber ist schmal geworden. Ernst Haas, der Berühmte starb früh, kaum sechzig. Seine langjährige Gefährtin, Inge Morath, ist die letzte Frau unter jenen, die über die Grenzen bekannt sind. Bei den Männern gibt's Franz Hubmann, Erich Lessing, - und Gerhard Trumler, der Jüngste in der Garde der polyglotten, lichtstarken grauen Panther.

Aus Klugheit und wohl nicht aus Bescheidenheit - die bei Photographen dieses Ranges ohnehin an Koketterie grenzte - hat Trumler zur Beförderung seines Themas «Wien» und seiner Photographien die Texte seines bestmöglichen Autors beigefügt, Adalbert Stifter.

Der Bildband ist in der Tradition der grossen amerikanischen Photographen rund um Stieglitz (An American Place) gehalten: im strengen Schwarzweiß der Lichtkünstler photographiert, ohne Beschnitt des Originals kopiert, in maximaler Tonwertabstufung ausgearbeitet und mit Argusaugen beim Druck überwacht, was Verleger, die nicht hundertprozentig in Qualität verliebt sind, normalerweise in den Wahnsinn treibt.

Gerhard Trumler selbst hat man sich als zweiteilige Persönlichkeit vorzustellen. Er ist im Gespräch mit Menschen, die er mag temperamentvoll bis zur Fahrigkeit, zuweilen schmerzhaft intensiv und sprunghaft - und kann dann doch für Stunden und Tage einsam hinausgehen und Bilder sehen, die ein Unruhiger niemals sähe. Seine photographischen Techniken und Werkzeuge sind natürlich erstklassig (Leica - Hasselblad), seine Belichtungen und Filmentwicklungen längst durch Erfahrung intuitiv und sein Anspruch an das Endprodukt grenzenlos. Nach vielen erfolgreichen Jahren und vielen Büchern macht nur noch das Beste Sinn.

(Helmut A. Gansterer)


Rezensionen
Sandra Kegel: Der Tod, das muß ein Wiener sein

Wien ist anders. Die Obdachlosen sind Sandler, die Kutschen Fiaker, im Café Hawelka gibt es Buchteln, und die Zeitung holt man nicht am Kiosk, sondern in der Tabak-Trafik, bei einem alten Mann, dem meist ein Bein fehlt oder auch ein Arm und der von damals erzählt, als er im Krieg war. Gerhard Trumler hat sie fotografiert, die Sandler im zweiten Bezirk, den Leopold aus dem Hawelka und die Tabak-Trafik bei der Burggasse.

Wien ist anders, aber anders als was? Daß Trumler für seinen Bilderreigen Trauriges fotografiert hat, Wehmütiges, Nebelverhangenes, verrät es nicht. "Der Tod, das muß ein Wiener sein" - damit kokettiert ein jeder in dieser Stadt, liebäugelnd mit dem eigenen Untergang. Ingeborg Bachmann, die Klagenfurterin, die Wien nicht ertrug, diese "stumme Inquisitorin mit dem unverbindlichen Lächeln", verging noch im ewigen Rom vor Sehnsucht nach dem Schwarzwasser der Donau und dem Wiener Kastanienhimmel. Ihre Texte begleiten die melancholischen Schwarzweißbilder neben Auslassungen Adalbert Stifters über Feldblumen, das alte Wien oder über den Kondor.

Der Fotograf läßt sich treiben von einer süßen Melodie, einer Mischung aus Wiener Lied, Walzer und ein bißchen Radetzkymarsch. Die alte Zeit, sie ist längst vergangen, doch hier leistet sich einer den Traum von Vergangenem. Alles Neue, dies sei gewiß, mache nur krank. Der Turmalin, jener Edelstein aus Südamerika oder Australien, den der Fotograf als Titel für seinen Bildband auserwählt hat, ist auch immer anders, mal rot, mal grün, schwarz oder braun. Manchmal ist der Edelstein auch farblos, nicht so Trumlers Eindrücke aus der Josefstadt, dem Prater oder vom Stephansdom. Er hat sie die "Wirklichkeit eines Traumes" genannt. Den Traum auszumalen gelingt seinen Bildern nicht. Aber eine Ahnung schleicht sich ein: In seiner Andersheit bleibt Wien immer Wien, und das, so hat einer mal gesagt, ist eine Drohung.

(Sandra Kegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.11.2000)


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