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Kurzbeschreibung

Käthe Recheis. Ill. von Angelika Kaufmann


Als die Bewohner von Lauterbach erfuhren, daß Tommis Mutter krank geworden war und Erholung brauchte, gab es keinen im Dorf, der Tommis Großonkel Willibald nicht bedauert hätte. »Der arme Herr Degenstein«, sagten sie, »es ist wahrhaftig Plage genug, daß er die Gespenster am Hals hat! Und jetzt noch Tommi? Wie wird er das nur überstehen?« Derselben Meinung war auch Willibald Degenstein. »Ich wünschte, ich wäre tot und begraben«, sagte er zu seiner Schwester Emma, als er in seiner alten, malerischen Burg beim Frühstückskaffee saß. »So etwas darfst du nicht wünschen«, widersprach Emma. »Warum soll ich es mir nicht wünschen ?« antwortete Willibald Degenstein düster, rührte den Zucker im Kaffee um und nahm einen Schluck. Der Kaffee schmeckte nach Pfeffer, aber Willibald beschwerte sich nicht.

Er hatte es nicht anders erwartet. Seit die Gespenster auf der Burg ihr Unwesen trieben, schmeckte der Kaffee jeden Morgen nach irgendetwas, das mit Kaffee wirklich nichts zu tun hatte, nach Salz oder Essig oder Majoran oder sonst einem Gewürz, manchmal sogar nach Paprika. Die Gespenster hielten das offenbar für Kaffee-Verfeinern, und gemessen an ihren anderen Scherzen war es noch harmlos. »Wäre ich tot und begraben«, fuhr Willibald fort«, dann hätte ich meine Ruhe. Auf ein bißchen Ruhe hat der Mensch ein Recht! Wie soll ich sie aber finden, wenn Tommi im Haus ist?« Emma trank ohne eine Miene zu verziehen ihren Pfefferkaffee.

»Tommi ist ein lieber Junge!« sagte sie. »Ha! Und wer hat unseren Gästen Bürsten unter das Leintuch gelegt? Haarbürsten und Schuhbürsten und Reisbürsten und ich weiß nicht was noch für Bürsten! Wer, ich frage dich?« »Ich weiß. Lieber, das war Tommi. Aber denk daran, daß Bürsten unters Leintuch legen eine Versuchung ist, der kein normales Kind widerstehen kann. Wenn ich mich recht erinnere - das ist zwar schon lange her -, hast du selbst einmal...« »Schon gut! Schon gut!« unterbrach sie Willibald hastig. »Du brauchst nicht uralte Sachen aufzuwärmen. Jedenfalls habe ich niemals einen Laubfrosch in die Salatschüssel gesetzt!«

»Nein, auf diese Idee bist du nicht gekommen«, antwortete Emma versonnen. »Tommi ist eben einfallsreicher als du. Und du mußt zugeben, daß der Laubfrosch im grünen Salat sehr hübsch anzusehen war.« »Nicht für unsere Gäste! Wer will schon seinen Urlaub in einem Hotel verbringen, wo beim Mittagessen ein Frosch in der Salatschüssel sitzt? Ein Frosch, der noch dazu in die Mayonnaise hüpft, im Ketchup badet und dann der Frau Hofrat ins Gesicht springt.« »Sie hätte nicht so laut schreien sollen! Kein Wunder, daß der Frosch nervös wurde. Das konnte Tommi nicht voraussehen. Er wollte uns und den Gästen doch nur eine kleine Freude machen.« »Auf solche Freuden kann ich verzichten«, erklärte Willibald Degenstein, trank seinen Kaffee aus und bekam einen Hustenanfall, weil sich der Pfeffer unten in der Schale gesetzt hatte.

[...]