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Kurzbeschreibung

[Text u. Photos]: Hans Kumpfmüller


Ihrer fast übermenschlichen Sensibilität war es zu verdanken, daß sie weder das eine noch das andere begriff. Und so wurde sie eine angesehene Bäuerin. Angesehen aber auch nur deshalb, weil sie den Unterschied zwischen angesehen werden und angesehen sein nie verstand und auch bis heute nicht verstanden hat. Sie investierte ihre ganze Energie, um den übrigen Landwirtinnen des kleinen Dorfes zu beweisen, daß sie beschlossen hatte, ab heute Bäuerin zu sein, und mit dieser Entscheidung glaubte sie das erste Mal in ihrem Leben ernstgenommen zu werden. Als sie ihre frühere Freundin einmal fragte, warum sie denn nicht mehr zu ihr auf Besuch komme, schrie sie diese mit den Worten: jo wia schdoisdda denn des via, iazd wos zan geaschdndreschn is? nieder.

Ihre Großmutter haderte jedoch mit diesem Schicksal, und als positiv denkende Frau glaubte sie dennoch, einige vermeintliche Teilerfolge in der Lebensplanung ihrer Enkeltochter verbuchen zu können.

Es war ihr nämlich ob ihres Zweiunddreißigvierundsechzigstelanteiles an dieser Behausung, neben der Ausgedingeverpflichtung und des Fruchtgenußrechtes für ihre Schwiegereltern, sowie der Übergabspreisgeldforderung an ihre Schwäger, der Kredit- und Pfandbestellungsurkunde, sowie der Einantwortungsurkunde der örtlichen Kassa, wie sie jenes Geldinstitut immer nannten, von dem sie immer glaubten, daß es ohnehin nur dieses eine gäbe, der Servitutsverpflichtung des lokalen Stromlieferanten für das Aufstellen dreier sogenannter A-Masten auf der südseitig gelegenen Wasserwiese, und der Verpflichtung der Pfarrkirche gegenüber, für die Instandhaltung der Kirchenstühle Sorge zu tragen, gelungen, daß der Name ihrer Tochter ins Grundbuch Einzug gefunden hatte, und zwar auf Eigentümer-, in diesem Fall auf der Miteigentümerseite. Ihr und ihrer Tochter blieb ein solcher Eintrag zeit ihres Lebens ja verwehrt.


Rezensionen
Othmar Peter Zier: Innviertel in Wort und Bild

Das oberösterreichische Innviertel darf sich glücklich schätzen, seine Mundart nicht gänzlich in jener Trostlosigkeit absaufen sehen zu müssen, welche so bezeichnend ist für eine gängige affirmative Laiensprachproduktion, die beim rührenden Muttertagsgedicht beginnt und beim Rahmenprogramm für Ortsparteitage noch lange nicht endet, und in der restlos abgeschliffen ist, was jedem Dialekt Kraft verleiht und ihn in seiner Widerständigkeit ganz selbstverständlich vor eben solcher tödlichen Vereinnahmung schützt.

Hans Kumpfmüller, Jahrgang 1953, »im 5b Fördergebiet der Europäischen Union« lebend, hat mit "Stiefmutterland & Großvatersprache" eine »buidabiachl« genannte Publikation vorgelegt, die in Wort und (exaktem Schwarz-Weiß)Bild für das Innviertel literarisch und fotokünstlerisch das leistet, was in einer übermächtigen Folkloreindustrie unterzugehen droht: Er vermag in Geschichten und ihnen vorangestellten Gedichten sowie in schön komponierten Fotografien, in denen jeweils die von der einen Seite mit jener der anderen korrespondiert, ein Thema oder eine Form variiert bzw. auf reizvolle Art assoziiert, Hans Kumpfmüller vermag Landschaft und Menschen, was natürlich immer auch heißt: ihren Lebensbedingungen, gerecht zu werden.

Die Sujets der Fotos und die Inhalte der Geschichten, die Kumpfmüller in gemächlich-humoristischem Ton erzählt, sind vielfach Fundstücke, die Menschen und Gegenstände vor dem Vergessenwerden bewahren.

Hans Kumpfmüller schafft, soferne eine Geschichte nicht zur Gänze im Innviertler Dialekt erzählt wird wie »da wegmocha & da graousse baua«, innerhalb der jeweiligen Erzählung jene gleichermaßen inhaltlich wie ästhetisch sinnvollen und bereichernden Dialekt-Intarsien, wie wir sie auch von der Prosa seines oberösterreichischen Landsmannes Walter Pilar kennen.

Ob er dem Ursprung seines Namens nachgeht – von daheim das Mundartreden gewohnt, mühte sich das Fräulein in der Schule ab, ihn »für das Schönsprechen zu begeistern« (wie schön der Innviertler Dialekt ist, läßt sich auch von Nichtinnviertlern in diesem Buch ohne allzu große Mühe nachprüfen!) –, ob er an eine mit dem Waschen gräflicher Unterhosen beschäftigte, aus der untersten Lade des »Innviertler Kastenwesens« stammende Frau erinnert, einen aus Böhmen zugewanderten, 1922 verstorbenen Wagner lebendig werden läßt, der, als "zuagroassda", den Dörflern »zeitlebens Verstand und Sägen schärfte«, immer horcht Kumpfmüller sehr genau der gesprochenen Sprache nach, also dem Dialekt. Der Mann aus Böhmen wurde "a bem" genannt. »Das Wort "bem" hat in dieser Region allerdings eine doppelte Bedeutung. So heißt auch eine Apfelsorte, die sich durch besonders lange Haltbarkeit auszeichnet, also sogenannte "bleibade" hier ebenfalls "bem", also Böhme. Die Herkunft ist leicht erklärt: Diese alte Sorte stammt ursprünglich aus Brünn, und da Brünn bekanntlich in Mähren liegt, heißt sie eben so.«

Man kann einiges lernen über die Innviertler und ihre Mundart, also über das, worüber Hans Kumpfmüller schreibt: »Ich habe keine / Heimat mehr – / – ich wohne / nur mehr dort.«

In dem am Ende des Buches befindlichen »Ausdeutschheft Valentina 3. Schulstufe« erfahren die LeserInnen dieses Buches auch, was – »ausgedeutscht« – »schbinnada boaddada dischlabua« heißt, nämlich »ortsübliche Bezeichnung für den Autor dieses Buches«. Und der »in Hoch- und Tiefsprache« schreibende und »mit Subjektiven der verschiedensten Brennweiten« fotografierende Hans Kumpfmüller ist natürlich ein Segen für das Innviertel, hat er doch sowohl ein offenes Ohr für die Sprache und einen genauen Blick, aber vor allem ausreichend Verstand, sich in dem, was er mit beiden Sinnen wahrnimmt, nicht täuschen zu lassen.

(O. P. Zier, Rezension in: Literatur und Kritik, [?])


http://www.biblio.at/rezonline/ajax.php?action=rezension&medid=6918&rezid=7212