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Professor, du siehst Gespenster

Die seltsamen Abenteuer des Professor Medardus Birngruber, von ihm selbst erzählt und niedergeschrieben

Käthe Recheis, Angelika Kaufmann

ISBN: 978-3-85252-320-0
21 x 15 cm, 172 S.
€ 15,00
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Kurzbeschreibung

Von der Autorin überarbeitete Ausgabe. Die erste Fassung dieses Buches erschien 1973. Titelbild von Angelika Kaufmann



Erstes Kapitel

Ich beschließe, die Ferien auf ungewöhnliche Art zu verbringen und gerate in ein geheimnisvolles Schloss. Ich weiß nicht, wie und wo ich anfangen soll, wenn ich nun darangehe, die seltsamen, ja wunderbaren Ereignisse zu berichten, die sich auf Schloss Bruggenbuchbach zugetragen haben; vor allem, weil mir bewusst ist, dass jeder, der diesen Bericht liest, an meiner Glaubwürdigkeit oder, was noch schlimmer ist, an meinem Verstand zweifeln wird. Ich selbst kann für vieles keine Erklärung geben und nur versuchen, alles so niederzuschreiben, wie es geschehen ist.

Am besten wird es sein, wenn ich meinen Bericht mit jenem Augenblick beginne, als ich über die Schlossmauer von Bruggenbuchbach kletterte, die so alt, verwittert und bröcklig ist, dass es immer wieder Fugen und Ritzen im Gemäuer gibt, an denen man Halt findet. Trotzdem war es eine mühselige Kletterei, weil ich einen schweren Koffer in der Hand hatte und nicht mehr der Jüngste bin. Endlich saß ich oben und legte den Koffer mit einem erleichterten Aufseufzen neben mich. Es war ein schöner Sommertag, die Sonne schien prall hernieder. Ich wischte mir den Schweiß vom Gesicht und bemerkte erst nachher, dass meine Hände von der Kletterei schmutzig geworden waren und mein Gesicht also auch nicht mehr ganz sauber war. Mein dunkelgrauer Anzug war ebenfalls ziemlich mitgenommen. Auf der rechten Rockbrust befanden sich ein paar grüne Flecken, die von den Krautern in den Mauerspalten stammten und die Hosenbeine zeigten deutliche Spuren der Kletterei.

»Mein Lieber«, sagte ich zu mir selber, weil sonst niemand da war, mit dem ich hätte reden können, »warum hast du nicht irgendeine schäbige alte Hose und einen schäbigen alten Rock angezogen? Aber du wolltest ja unbedingt respektierlich aussehen! Damit sich die Leute im Dorf Unterbruggenbuchbach nicht über dich wundern. Bist du nicht ein bisschen zu alt für derlei Abenteuer? Schäme dich! Du, ein Professor, der am angesehensten Gymnasium von Wien Deutsch und Geschichte unterrichtet! Was du vorhast, gehört sich nicht! Willst du dich tatsächlich in Schloss Bruggenbuchbach einschleichen? Was würde die liebe Mama dazu sagen? Und der Direktor? Und die Schüler? Und erst deine wissenschaftlichen Kollegen?« (Mein privates Hobby ist nämlich das Studium mittelalterlicher Handschriften; in der Fachwelt habe ich mir damit einen gewissen Namen gemacht.) Ich fing leise zu pfeifen an. Ich pfiff sozusagen auf die liebe Mama, den Direktor, meine Schüler und auf die Kollegen. Und ich pfiff auf meinen zweitbesten Anzug. Pah!

Ich machte es mir auf der Mauer bequem und schaute mich um. Vor mir lag ein verwahrloster, alter Park. Seit hundert Jahren hatte kein Gärtner mehr den Rasen geschnitten, die Rosensträucher gepflegt oder das Gebüsch gelichtet. Alles wucherte und wuchs, wie es ihm gerade einfiel. Das Laub der Bäume war so dicht, dass unter ihnen ein dämmrig grünes Zwielicht herrschte, in dem saftige Moosbüschel schwellten und gezackte Farnwedel sich aufrollten. Plötzlich packte mich eine unwiderstehliche Lust, laut zu schreien, ich reckte die Arme gegen den Himmel und ahmte das Indianergebrüll meiner Schüler in den Pausen nach. (Ich glaube, ich übertraf sie und war stolz darauf.)

Nachher schüttelte ich freilich über mich selber den Kopf. So laut zu schreien war unvorsichtig, wider Erwarten konnte doch zufällig jemand in der Nähe sein. Ich beruhigte mich aber rasch. Das Schloss liegt ganz abgeschieden im Wald, nicht einmal eine Straße führt hin, nur ein geschlängelter Waldpfad, der sich oft im Dickicht verliert. Schon wollte ich die Mauer auf der anderen Seite hinunterklettern, als mir ein besserer Einfall kam. Warum sollte ich nicht springen? Die Mauer war zwar hoch, aber schließlich war ich als Junge von viel höheren Bäumen gesprungen. Ich hob den Koffer auf und schaute ihn prüfend an. Außer dem Glas mit Marillenmarmelade, meiner Lieblingsmarmelade, das ich sorgfältig in einen warmen Pullover gewickelt hatte, befand sich nichts Zerbrechliches darin. Mit einem kühnen Schwung beförderte ich den Koffer hinunter. Dann schätzte ich genau die Tiefe und Weite meines eigenen Sprunges ab. Ich musste nur aufpassen, nicht in den Brennnesseln und Dornenranken zu landen, die an der Mauer wucherten.

»Nur Mut, Professor«, redete ich mir zu, »du bist zwar heute fünfzig Jahre alt geworden, aber so ein läppischer Mauer-Sprung darf dir deswegen noch nicht Herzklopfen bereiten. Schließlich ist man mit Fünfzig sozusagen in den besten Mannesjahren. Hopp!« Bei Hopp sprang ich.

[...]