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Kurzbeschreibung

Enzyklopädie des Wiener Wissens ; 16. - Edition Seidengasse


Man nimmt zuerst den Wienfluss, der macht sich immer nett,
Dann kommt die Schwiegermutter und dann das Tramway-Gfrett.
Es folgt sodann die Stadtbahn, der Gmeinderat, o weh!
Rührt man das durcheinander, so wird draus ein Couplet.


Rezensionen
SuS:

Der Begriff Couplet ist streng genommen vage und leicht antiquiert, auch wenn man sich in Wien darunter noch etwas vorstellen kann. Bei der Entwicklung des Wienerliedes steht das Couplet ganz oben, es erfreute das städtische Publikum schon in den 1840er Jahren. Als kultureller Import aus Frankreich kommend, wurde zunächst ein Volkslied bzw. eine Liedstrophe als Couplet bezeichnet, in Wien aber bald auch eine Folge von mehreren Strophen, die nicht aufeinander aufbauen, aber durch einen Kehrreim am Ende der Strophen einen inneren Zusammenhang erhalten.

Ernst Weber analysiert in seiner kurzen Einleitung zum Couplet die Funktion von Pointe, Spannung und sprachlichen Kunstgriffen: "Das Couplet schafft damit sowohl emotionales Vergnügen als auch intellektuellen Genuss." (S. 22). Diese Liedform, die sich unter anderem aus dem Theaterlied speist und eine bühnenartige Auftrittssituation braucht, hat sich gegenüber dem alpinnahen Wienerlied und dem heute so genannten "klassischen" Wienerlied zwischen Raunzerei und aseptischer Selbstverklärung (Der Herrgott muss ein Wiener sein) nicht behaupten können. Das Couplet war jedoch eine Kunstform, die nicht nur gekonnt die wienerische Mundart hofierte und - sofern Drucke vorlagen - diese für die Nachwelt erhielt. Das Couplet war äußerst beliebt, weil es gesellschaftliche und politische Ereignisse aufs Korn nahm und somit dem Publikum ein wenig Sprachrohr sein konnte.

Wer regte sich damals nicht auf über den langsamen Bau der Hochquellen-Wasserleitung, die Wohnungs- oder Lebensmittelnot? Wien hatte hier sicher eine Vorreiterrolle. Ende des 19. Jahrhunderts waren Coupletisten in fast allen europäischen Städten zu Hause und tourten durch Europa, spanische "Cupletistas" bereisten Südamerika und luden vor allem in Chile zur Nachahmung ein. Während also weltweit Couplets Furore machten, sorgte in Wien der Ausbau von Varietétheatern bereits für den Untergang des Volkssängerstandes - jener Stand, der das Couplet unter die Leute brachte und auch oft selbst produzierte.

Ernst Weber suchte 100 der aussagekräftigsten und witzigsten Wiener Couplets aus seiner eigenen Sammlung, den Archiven der Volksliedwerke und gängigen Quellen (Kremser Alben, Wiener Volkslieder aus fünf Jahrhunderten, herausgegeben von Rudolf Wolkan etc.) heraus und ordnete sie in zehn thematischen Kapiteln (Politik, Fortschritt, Dudler, Zukunftsvoraussagen, einzelne Autoren). Als Zuckerl liegt eine CD mit 27 Aufnahmen von im Buch publizierten Couplets bei, gesungen von Richard Waldemar, Alexander Girardi, Armin Berg, Ernst Arnold oder Franz und Hedy Mika. Dieser 16. Band der "Enzyklopädie des Wiener Wissens" gehört unbedingt in das Regal eines jeden Wienerliedfans. Außerdem verspürt man Lust, die Lieder selbst zu singen.

(SuS, Rezension in: Bockkeller. Zeitung des Wiener Volksliedwerks, 19. Jg., Nr. 2, März/Mai 2013, S. 9)


Schaufenster Kultur.Region: Die Welt ist ein Komödienhaus

Hundert Wiener Couplets, gesammelt, geordnet und kommentiert in einem Buch des Volksliedforschers Ernst Weber.

Es ist die Welt der Brettln – Bühnen, die aus ein paar Fässern und darübergelegten Brettern bestehen. Es ist die Welt der sprichwörtlichen Wäschermädel und Fiaker und die der Arbeiter, die in das Wien der 1860er Jahre strömen. Es sind die Zeiten der postmetternichschen Ära, der Gründerzeit und der Großstadt und des Weltkrieges. Für Unterhaltung sorgen die Volkssänger mit ihren Couplets. Der Begriff „Couplet“ wurde im Laufe der Jahrhunderte für unterschiedliche lyrische und musikalische Formen angewendet. Im 19. Jahrhundert wird das Couplet unter den Wiener Volkssängern zur Modeerscheinung. Die Couplets setzten sich formal aus gleich gegliederten, aber inhaltlich unterschiedlichen Strophen zusammen, deren Schluss ein wiederkehrender Text ist, meist ein Kehrreim. Diese letzte wiederkehrende Zeile ist zugleich Pointe. Die Gstanzln unterscheiden sich vom Couplet insofern, dass sie Vierzeiler ohne wiederkehrenden „Refrain“ sind.

Vorgetragen wurden die Couplets von Volkssängern. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren es ausschließlich Männer, die gegebenenfalls in Frauenkleider auftraten. Da die ständig ansteigende Zahl der Volkssänger der Obrigkeit ein Dorn im System war, mussten sie um Lizenzen ansuchen. Diese seien an Personen zu vergeben, die „zu einem anderen Gewerbe gar nicht oder in geringerem Grad geeignet sind, einige musikalische und sonstige Bildung besitzen und deren unbescholtene Haltung bekannt ist“. So lautet der Statthaltererlass von 1851. Der anarchische Witz, die subkutane Renitenz, die frivolen Anzüglichkeiten, die „Verbindung von domestizierter Revolution und Wiener Schmäh“, so Hubert Christian Ehalt, Herausgeber der „Enzyklopädie des Wiener Wissens“, wurde damit versucht in Schranken zu weisen. Die Volkssänger
reagierten darauf und packten die kritischen Themen in das Gewand des Humors, sodass die Texte auf den ersten Blick unverfänglich wirkten.

Im Gegensatz zu den Natursängern, die sich durch Singen beim Heurigen etwa ein Trinkgeld verdienten, sahen sich die Volkssänger als Berufsstand und waren in Gesellschaften organisiert. Ab 1860 treten nun auch Frauen auf den Bühnen der Etablissements auf:

Reserl, hat die Mutter gsagt, d Männer das sind Teufel /
Doch die Reserl unverzagt setzt darein viel Zweifel. /
Mutter, na, das kann net sein, sagt s, wann i mitn Schani /
Öfter so im Kämmerlein am Abend bin allani /
Nimmt er mi und küsst er mi, Sie können Teufel sagen, /:
Doch mich ergreift, ich weiß nicht wie, himmlisches Behagen. :/
(Text und Musik: anonym, gesungen von Anna Ulke)


Die Themen sind vielfältig: die schon erwähnten politischen Inhalte, die Schwiegermütter, die Dicken, die Selbstdarstellung von Wien, die Ungarn, die Böhmen, die Deutschen ...

Ich bin sehr gern in deutschen Staaten, weil mich das Essen dort entzückt,
Man kriegt Chadeau zum Hasenbraten, der fein mit Reißnägel gespickt,
Dann gibt es noch Delikatessen, Rasiercremesauce mit grünem Aal,
Ich kann halt nur in Deutschland essen, ich glaub, ich bin nicht ganz normal.
(Text: Louis Taufstein, Musikarrangement: Armin Berg, Quelle: Tonaufnahme mit Armin Berg)


Das Ende des Wiener Couplets geht mit dem Ende der Volkssänger einher, als Varietés, Kabaretts und Kinos die Unterhaltungsbranche verändern. Andererseits setzte der Zweite Weltkrieg dem Witz ein unerbittliches
Ende. /

(Rezension in: Schaufenster Kultur.Region. Nachrichten aus der Kultur.Region Niederösterreich, März 2013, S. 17)