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Kurzbeschreibung

Rudolf Habringer ; Walter Kohl (Hg.)
[Netzwerk Memoria]


»Der Kaiser hob mich zur Baronin hinauf«

von Karl Kaulich aus Steyr, geb. 1909

1914 begann der Weltkrieg, für welchen Österreich versor-gungsmäßig nicht vorbereitet war, da man mit einer kurzen Dauer rechnete und daher die Lebensmittelversorgung bald zusammenbrach. Mein Vater musste gleich zu Beginn des Krieges einrücken, und wir hatten bald nichts mehr zum Essen. So ging ich mit meiner Mutter hamstern, und da wir niemanden kannten, war der Erfolg sehr gering. Meine Mutter war verzweifelt und ging mit uns vier Kindern zum Magistrat, stellte uns in eine Kanzlei mit der Forderung um Essen und sagte, sonst gehen wir nicht weg. Wir bekamen Polenta und Marmelade und Brotmarken, mit welchen ich mich zuerst schon abends anstellte, dann meine Schwester und in der Nacht die Mutter, bis morgens wieder eine Lieferung ankam.

Um zu Fleisch zu kommen, fütterten wir in der Küche unter dem Ofenloch immer ein Kaninchen, aber das Futterstehlen in der Stadt war sehr schwierig. In den Ferien kamen wir in Ferienheime der Kinderfreunde. Mit meinem kleinen Bruder und meiner Schwester fuhr die Mutter nach Steyr, wo die Not nicht so groß war. 1917 aber kam ich in den Ferien nach Ungarn, wo wir vor der Kirche in Papa angetreten waren, ich war der Kleinste aus Graz. Es kam eine Baronin angefahren, und der Kaiser Karl selbst hob mich zur Baronin hinauf und war enttäuscht, als ich nicht mit der Baronin wegfuhr, nachdem mich meine Mutter streng beauftragt hatte, mich in der Fremde nicht zu trennen von einem größeren Hausbewohner unseres Hauses in Graz, der meiner Mutter versprach, auf mich aufzupassen. Daraufkamen wir beide zu einem ungarischen Bauern, der nicht Deutsch sprach, worauf wir wieder in das Sammellager zurückgingen.

Am nächsten Tag wurden wir, zwanzig Kinder, gleich von einem Spediteur und Großgrundbesitzer abgeholt, und ich wurde trotzdem getrennt von meinen Hausgenossen, weil der Spediteur einen Sohn in meinem Alter hatte und es mir dort besser ging als den anderen. Als wir in Graz die Verwundetentransporte am Bahnhof und in den Lazaretten sahen, bekamen wir als Kinder schon einen Schrecken vor dem Krieg. Wegen einer großen Grippeepidemie vor Kriegsende hatten wir in Graz schon monatelang keine Schule, und als wir nach dem Krieg wieder nach Steyr zurückkamen, sollte ich deswegen von der fünften Volksschulklasse in die vierte Klasse zurückversetzt werden, weswegen ich sehr weinte und den Volksschuldirektor bat, bleiben zu können, wenn ich viel nachhole. Der Direktor war dann auch erfreut, als ich mit gutem Erfolg abschloss …