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Kurzbeschreibung

Hrsg. von Franz Gebesmair …



Rezensionen
Christof Siemes: Ohlsdorf. Eine Verwirrung

In der Heimatgemeinde von Thomas Bernhard wurde sein fünfter Todestag angemessen begangen

Dem kommt man nicht aus. Man schmeißt einen in einen Topf, rührt um und verkocht einen mit, ob man will oder nicht. Man muß halt ein harter Knochen sein.

„Ohlsdorf“ ist sein listigster Text. Nicht „Ungenach“, nicht „Amras“. „Ohlsdorf, im März“. Kennen Sie nicht? Er hat ihn ja auch nicht geschrieben, sondern gemacht. Ein Lebenswerk, entstanden fünf Jahre nach seinem Tod. Naturgemäß ist es eine Komödie und eine Tragödie. Nicht naturgemäß ist, daß sie von vielen und nicht, wie sonst, von nur einem Erzähler erzählt wird. Alle reden mit: der Taxifahrer, der ihn heimgefahren hat („Da ging es ihm schon nicht mehr gut“), der Gemeindemagister, der sein Nachbar war, der Bauer, der ihm einen Schweinestall vor die Nase setzen wollte, der gemeine Ohlsdorfer, der ihn „am liebsten auf einem Misthaufen“ begraben sähe. Alle erzählen sie ihre Geschichten, und wer sie gehört hat, weiß: Hier entspringt Bernhards gewaltiger Sprachstrom. Und der bildet Wirklichkeit nicht nur ab, sondern verändert sie. Ohlsdorf wird nie mehr nur ein Ort mit 4500 Ohlsdorfern und das Salzkammergut eine hügelige Gegend mit guter Luft sein, sondern Haus und Hof und Acker und Mensch gewordene Literatur, „Ohlsdorf“ eben, ein Kunstwerk von Thomas Bernhard, „vulgo Bauer zu Nathal“.

Eigentlich liest sich dieser vorerst letzte von Bernhard in die Welt gesetzte Text ganz einfach: Die Gemeinde Ohlsdorf, in der er seit 1965 lebte, organisiert unter dem Motto „Weltliteratur und regionaler Raum“ Thomas-Bernhard-Tage. Mehr als sechshundert Fans, Wissenschaftler, Journalisten stürmen die drei Ohlsdorfer Gaststätten und verzehnfachen deren Umsatz. Auf dem Podium diskutieren Bernhard-Übersetzer die Unübersetzbarkeit von Brandteigkrapfen und Frittatensuppe, um die ungelösten Probleme anschließend zusammen mit ihren Zuhörern einfach aufzuessen. Auf dem Teller und im Bauch ist eine Leberknödelsuppe immer eine Leberknödelsuppe.

Die wissenschaftliche Diskussion über die Bernhard-Rezeption wurde zum kulinarischen Vollzug und zur Wallfahrt. Der Schweinsbraten im Gasthaus „Enichlmeyer“ – von Schweinen aus Strohhaltung! – ist ein Thomas-Bernhard-Schweinsbraten, vom Dichter gegessen und für gut befunden. Ihn bestellen heißt nachfolgen. Höhepunkt von Speisekarten-Rezeptionsforschung und intellektuellem Leichenschmaus war die Eröffnung beim Kirchenwirt, weiland häufiger Gesprächspartner des Dichters, Besitzer des Gesamtwerks und sein originellster Deuter. Ihm ist Bernhard, der gegen alles, nur nicht gegen den Glauben polemisierte, ein „verkehrter Marienverehrer“, was die versammelte Fachwelt ziemlich überzeugend fand. Ausgestattet mit solch exzellenter Werk- und Lebenskenntnis reichte der Kirchenwirt Most, für den die Äpfel auf dem Grund und Boden rund um den Bernhard-Hof in Obernathal reiften, und Wurstbrote, für die – Ehrenwort – die Nachfahren jener Schweine ihr Leben ließen, die im „Theatermacher“ so weltliterarisch grunzen.

Beim Genuß der Häppchen überlagern sich die Diskurse zu einem polyphonen Gebilde, in dem jeder von seinem Bernhard redet, und aus jedem redet Bernhard selbst. Die sich hier in seinem Namen treffen, waren zum Teil die Vorbilder und sind alle die Opfer seiner Texte, Probanden, an denen die Literatur ihre Macht beweist. Alfred Pittertschatscher zum Beispiel, seines Zeichens Literaturchef von Radio Oberösterreich. Er leitet die Veranstaltung, und als bernhardscher Held monologisiert er gegen die eigene Unsicherheit an, „Versuch der Identitätsstiftung“ heißt das am Rednerpult. Dem Auditoriumsgetuschel zufolge redet er sich nur um Kopf und Kragen. Verzweifelt spricht er gegen sein Image an: Von den „Billigessern“ Bernhards wolle er, Pittertschatscher, nicht zum Mittagessen in den preiswerten Gasthäusern der Umgebung überleiten, das sei ihm zu billig … Ein absurder Komödiant, ein Theatermacher, der mit Hingabe ein extensives Kassiberwesen zwischen dem Podium und seinem Stab dienstbarer Geister inszeniert. Ein Gerücht besagt, daß er, Pittertschatscher, als er, Bernhard, von seinem, Pittertschatschers, Denken zu sehr Besitz ergriffen hatte, alle Tonbänder mit an ihn, Bernhard, erinnerndem Inhalt gelöscht habe …

Bernhard sei eine Stimme und diese Stimme eine Droge, sagte der italienische Bernhard-Übersetzer Eugenio Bernardi. Vorbild dieser Droge und zugleich ihr größter Junkie ist zweifelsohne der ehemalige Sauhändler und Realiätenvermittler Karl Ignaz Hennetmair, der Bernhard zwischen 1965 und 1975 drei Häuser besorgte, mit ihm Aufbahren spielte und als „Moritz“ in der Erzälung „Ja“ ein Denkmal bekam. Wer je einer seiner bissigen, treffenden, gebildeten und allerununterbrechbarsten Tiraden gegen alles und jeden – Journalisten, Bernhard-Erben, Ohlsdorfer – ausgeliefert war, weiß, wo der Dichter seine komödiantische Schimpf- und Vernichtungskunst gelernt hat.

Mit geschäftstüchtiger Besessenheit hütet Hennetmair die Reliquien seiner Bernhard-Freundschaft: Tonbänder, Photos, Notizen. Umgetrieben vom Bruch der Beziehung (über den in „Ohlsdorf“ nur Gerüchte und Worte wie „Mißbrauch des Hausrechts“ kursieren, wogegen Hennetmair selbst das Ende als allerkonsequenteste Folge einer unvergebbaren Erniedrigung durch Bernhard beschreibt), reist er auf den Spuren von Leben und Werk, photographiert, archiviert, propagiert seinen Bernhard.

Zu den Veranstaltungen hat man ihn nicht eingeladen, um die wichtigere Gunst von Bernhards Halbbruder und Erbe nicht zu verspielen. Aber Hennetmair spukt herum, in den Köpfen und in Pittertschatschers Kassibern: „Hennetmair parkt die Ausfahrt zu!“

Ordnungsgemäß im Hof parkte dagegen das „Schiacherl“, die „Bestie von Oberweis“, wie Bernhard sie liebevoll auf einem Bierdeckel nannte, Frau Gerda Maleta, Nationalratspräsidentenwitwe. Sie verwaltet, was von Bernhards Hang zum Großbürgertum und zur Aristokratie als immaterielles Erbe auf uns gekommen ist. Ihre Legitimation: Sie war mit „dem Thomas“ auf Reisen, ihre Köchin Herta bekochte ihn, und der Herr Maleta mußte noch zu Lebzeiten in zwei Bernhard-Stücken sterben, was ihm mißfiel, seine Frau jedoch nicht davon abhielt, mit dem theatralischen Gattenmörder lange Stunden Siebzehnundvier zu spielen. Und wenn nötig, hat sie ein wenig für Claus Peymann gebetet, was ja manchmal nötig war und vielleicht auch geholfen hat.

Jetzt lebt sie allein mit ihren Erinnerungen in einem riesigen Haus, in dem schon vor wenigstens vierzig Jahren auf wunderbare Weise die Zeit stehenblieb. Das hat ihm gefallen, dem Thomas, der so gerne bei Adels verkehrte und rauschende Feste feierte. Geblieben ist ein kleiner Hausaltar mit einem Buchplakat, das an ihn erinnert. Die Herta stellt öfters frische Blumen hin – „Die hat ihn halt sehr gemocht“. Dem Sohn der Maleta soll das zuviel geworden sein; er ist, so hört man in „Ohlsdorf“, in Indien. Nur der Verleger Richard Pils kommt ab und zu, um auf dem Dachboden der Maleta einen Iltis zu jagen.

Überhaupt der Pils. Er ist der Begütigende in „Ohlsdorf“. Kommt extra aus dem niederösterreichischen Waldviertel, um mit seiner sanften Art seinen Autoren – unter anderem Frau Maleta und Herrn Hennetmair – das Bernhard-Los, diese verflucht freudige Last, ihn gekannt und gemocht und nichts als die wortreiche Erinnerung an ihn zu haben, zu erleichtern. Und wenn der Dampfkessel Hennetmair vor lauter allerschrecklichsten Bernhard-Tage-Ungerechtigkeiten überzukochen droht, legt der dürre Pils ihm die Hand auf. Das hilft. Neulich hat ihm jemand eine Postkarte mit dem Bild vom Heiland drauf geschickt: „Ich wußte gar nicht, daß Du schon mal gelebt hast.“

Das geheime Zentrum der Polyphonie in „Ohlsdorf“ aber ist Bernhards original Traunviertler Vierkanthof in Obernathal. Der Zugang war auch während des Jahrgedächtnisses streng reglementiert, was die Eignung des Hofs als Wallfahrtsort und Kraftwerk der Bernhard-Verehrung naturgemäß nur steigert. Die Legenden gedeihen weidlich: Die Küche soll garantiert ebenso perfekt eingerichtet wie unbenutzt sein, schließlich wäre ja sonst der Schweinsbraten beim Enichlmeyer allenfalls apokryph. Signore Bernardi behauptet jedoch, vom Besitzer höchstselbst bekocht worden zu sein …

Dieses Haus mit seinen siebzehn unbedingt für Führungen geeigneten Zimmern hat Bernhard, der listenreiche, schon zu Lebzeiten als Museum seiner selbst inszeniert, hier noch eine halbvolle Flasche Sherry, dort noch seine Lieblingsplatte (natürlich die „Goldberg-Variationen“ mit Glenn Gould) hindrapiert und sich davongemacht. Auch ein kleines Kuriositätenkabinett hat er für „Ohlsdorf“ eingerichtet: einen hübschen Schrank mit den Postkarten, die er sich selbst geschrieben hat, und ein Verzeih-mir-Brief von fremder Hand. Für Ergriffenheit hat er die Todesanzeige seiner Mutter vorgesehen, die mit penetranter Absichtslosigkeit unter der Schreibtischlampe klemmt. Den Rest haben die Erben für die Ewigkeit fixiert: des Dichters Jacken, Hüte und Gummistiefel.

Hier, in diesem erlesen und streng eingerichteten Zentrum des Ohlsdorfer Gesamtkunstwerks, enthüllt sich, was Bernhard sein wollte: ein anderer Goethe. Dessen Haus in Weimar hat in Obernathal Pate gestanden; Kuhstall und Traktor sind lediglich ironische, aber selbstbewußte Österreichisierungen.

Daß er den Bernhardisten nicht aussi kummt, hat Bernhard früh gewußt. Da hat er beschlossen, wenigstens selbst zu bestimmen, wie er zubereitet wird. Und jetzt weiß niemand so genau, wer in „Ohlsdorf“ der Koch und wer die Suppe ist. Ein harter Knochen, und man wird den Verdacht nicht los, allenfalls eine Beilage zu sein. Aber immerhin in einer absoluten Spezialität.

(Christof Siemes, in: Die Zeit, 11. März 1994)


http://www.zeit.de/1994/11/ohlsdorf-eine-verwirrung