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Kurzbeschreibung

Enzyklopädie des Wiener Wissens ; 1. - Edition Seidengasse


Seine als selbstverständlich hingenommenen und kaum hinterfragten Bedeutungen zeichnen den Wiener Fußballsport vor allen anderen in dieser Stadt ausgeübten und rezipierten Sportarten aus. Als populärstes Sportphänomen der Metropole Wien vermag er wie kein anderer Sport alltagskukurelle Felder zu öffnen, Mythen zu transportieren und Artikulationen zu entfalten. Dies ist insofern überraschend, als der Fußball unter den Eckpfeilern der urbanen Wiener Identität wohl die kürzeste Tradition aufzuweisen hat. Erst um 1885 wurden an einigen Gymnasien fußballähnliche Spiele (die oft eher den Rugby- als den Soccer-Regeln folgten) eingeführt, 1894 die ersten Vereine und 1904 erstmals ein Verband gegründet, 1911 die erste Meisterschaft organisiert.

Es ist in diesen gut hundert Jahren zwischen der Sportart Fußball und der Metropole Wien eine besondere Art der Synthese entstanden, eine innige Relation, die es in der Folge nachzuzeichnen gilt.Schon an dieser Stelle beginnt die Analyse der Spezifika komplex zu werden, weil sich die Wiener Fußballkultur - genauso wie das Wiener Cafe oder die Wiener Küche - aus einer Summe von Metamorphosen zusammensetzt und auf zahlreichen - mitunter ironisch gebrochenen - Dichotomien basiert: Bürgertum und Arbeiterschaft, Boheme und Vorstadt, Bodenständigkeit und Zuwanderung, Kampf und Spielwitz oder wirtschaftlicher Liberalismus und "kleines Glück" der Anhänger lassen sich oft, aber keineswegs immer, auf den oft zitierten Gegensatz von Austria und Rapid reduzieren.

Noch weniger gilt das für die Außenkontakte des Wiener Fußballs, seine Entstehung aus englischen Wurzeln, seine Vollendung im »trilateralen Kulturkarussell« Mitteleuropas (Skocek/Weisgram 1996, 15), seine Wiederbelebung (nach 1945) in der Auseinandersetzung mit Deutschland, seine "Provinzialisierung" in den 1960er Jahren und schließlich sein Versinken in der europäischen Mittelmäßigkeit. Das Wiener Fußballgeschehen kann am Knotenpunkt der großen weiten Welt des globalen Sportes und der lokalen Geschichte, also auch Mentalitätsgeschichte, der Stadt Wien angesiedelt werden: Seine Wurzeln sind englisch, seine Perfektionierung ist mitteleuropäisch, sein Feindbild deutsch, seine Ökonomisierung und Medialisierung sind globale Phänomene.

Seine spezifischen Erscheinungsformen, Inszenierungen, Mythenbildungen und Rezeptionsmuster dagegen sind bis heute wienerisch geprägt. Diese Artikulationen und das resultierende Ergebnis, also die zugleich globalen und wienerischen, aber eben ganz einzigartigen Wiener Fußballpraxen, lassen sich weder aus generellen Befunden zur Faszination des Fußballs noch aus der Geistesgeschichte Wiens allein erklären und auch nicht als spezifisches Exempel des Wienerischen darstellen, denn so sehr sich in den fußballerischen Außenbeziehungen eine kollektive Wiener Mentalität Ausdruck verschafft, so sehr sind seine Binnenbeziehungen primär von Konflikten, (mitunter auch handgreiflichen) Auseinandersetzungen und Opposition geprägt (Armstrong/Giulianotti 1999; 2001).

Die Massenkultur des (Wiener) Fußballs bildet keineswegs nur ein Abbild, einen Mikrokosmos der Gesellschaft, in dem sich soziale Bedingungen widerspiegeln oder besonders deutlich zeigen. Vielmehr liefert jede Massenkultur zum kollektiven Wissen einer Gesellschaft aktiv Beiträge, die einerseits in einer Transmission hegemonialer Werte und Normen an das "Publikum", andererseits in einer eigenständigen Bedeutungskonstruktion im Sinne Michel de Certeaus (1988) bestehen und gesellschaftliche Entwicklungen vorwegnehmen (Kaschuba 1997) oder zu ihnen quer liegen können. Der Massensport stellt nicht nur eine spezifische Sozialisationsinstanz (Horne/Tomlinson/Whannel 1999, 134ff.) dar, sondern bildet eigenständige populäre Kulturen aus, die in einem permanenten Austausch mit anderen Praktiken stehen (Curtis 1993).

Daher stellt sich das Terrain des Sportes als bedeutsames Feld potentieller sozialer Modifikationen und gesellschaftlicher Neuordnungen dar (Hargreaves/McDonald 2000): Speziell der Fußball ist »nicht nur der "Reflex" gesellschaftlicher Entwicklungen, die woanders passieren, er ist sein eigenes gesellschaftliches Aktions- und Experimentierfeld. Und im Moment ein Experimentier- und Erfahrungsfeld, dessen Teilnehmerfeld nur von der Arbeitswelt selbst übertroffen wird; dessen Zuschauerzahlen höchstens von exzeptionellen "Wetten dass"-Galas übertroffen werden. Und manche Dinge können im Fußball früher passieren, als auf anderen gesellschaftlichen Feldern. Weil es immer noch ein Spielraum ist, und nicht bloß ein gesellschaftlicher Kampfraum« (Theweleit 2004, 155).

Zwar ist der Sport ein untrennbares Segment einer globalisierten Welt und von ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen wesentlich beeinflusst (Tomlinson 1999), dennoch kommt ihm eine originäre Wirkkraft zu, die einerseits hegemoniale Vorstellungen in die Popularkultur transmittiert, der andererseits aber auch eigenständige Effekte zukommen: Sport beeinflusst, aktiv betrieben sowie rezipiert, individuelle wie kollektive Praxen: Er beeinflusst Körperlichkeit und Körperwahrnehmung, die Eroberung von Raum und die Organisation von Zeit, aber er prägt ebenso die Normen von Leistungsdenken, Risikobereitschaft und Motivation. Sport ist, in Anlehnung an Bourdieu, ein Paradebeispiel für soziale Praxen in Aktion (Jarvie/Maguire 1994, 187).


Rezensionen
gs: Von Sindelar zu Stronach

Der Kulturwissenschafter und ballesterer-Autor Matthias Marschik gehört zu den verdientesten und produktivsten Fußball-Historikern Österreichs. In »Massen, Mentalitäten, Männlichkeit. Fußballkulturen in Wien« liefert er einen handlichen Überblick über die Geschichte des Wiener Fußballs von den Anfängen im ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Die Wiener Fußballkultur ist für Marschik dabei mehr als nur ein »Abbild« der Stadt und seiner Gesellschaft. Die Mythen und Heldenfiguren des Sports sind vielmehr wichtige Teile einer Wiener »Mentalität«, die von den Beteiligten, von den Fans bis zu den Sportmedien, aktiv erzeugt werden.

Fußball in Wien lebte auch immer von Gegensätzen: Bürgertum und Arbeiterschaft, Café und Vorstadt, lokale Verwurzelung und Zuwanderung, Kampf und Technik. Und nicht zuletzt gab es die Konkurrenz mit der »Provinz«, die spätestens ab der Einführung einer österreichischen Liga im Jahre 1949 ihren Anfang nahm. Österreichischer Fußball, das hieß lange eigentlich: Wiener Fußball. Das Buch führt zurück in die goldenen Zeiten der hauptstädtischen Fußballkultur, erzählt vom Wunderteam oder den Nachkriegsjahrzehnten, als bis zu 90.000 Zuschauer bei Länderspielen das Praterstadion bevölkerten.

Wer wissenschaftliche Sprache nicht gewöhnt ist, wird sich durch die leicht vertrackte Einleitung kämpfen müssen. Ansonsten aber Pflichtlektüre für das nächste Fußball-Proseminar.

(gs, Rezension in: Ballesterer Fußballmagazin, 9.5.2008)


H.-Georg Lützenkirchen: Das "kleine Glück" im Sport

Österreich und Fußball - das mutet dem zeitgenössischen Beobachter nicht eben als eine besonders glückliche Konstellation an. Während der Fußball-Europameisterschaft 2008, die in Österreich und der Schweiz stattfand, konnte man in Interviews skeptische Fußballkommentatoren hören, die mit achselzuckender Selbstverständlichkeit darauf hinwiesen, dass dieses Fußballereignis für Österreich vor allem deshalb ein Glück gewesen sei, weil die Nationalmannschaft als das Team eines der Gastgeber zumindest einmal auf diese Weise an einem großen Turnier teilnehmen könne. Sportlich habe sie keine Chance, sich zu qualifizieren. Als dann die Mannschaft während der Vorrunde gegen Deutschland spielen musste, wurden die Gefühlswelten der österreichischen Fußballnation auf geradezu komische Art deutlich. Überall hörte man das "I wer' narrisch!" des österreichischen Rundfunkreporters Edi Finger. Finger kommentierte das WM-Spiel Deutschland gegen Österreich 1978 im argentinischen Córdoba. Hans Krankl schoss damals das Tor zum 3:2 für die Österreicher, mit dem sie den damals amtierenden Weltmeister Deutschland schlugen. Als "Wunder von Córdoba" besetzt das Ereignis seitdem die Seelen österreichischer Fußballenthusiasten.

So groß dieses Wunder gewesen sein mag, so enttäuschend war alles, was danach kam. In der aktuellen FIFA-Rangliste findet sich Österreich auf dem 105. Rang.

Das war nicht immer so. Der Fußball in Österreich hatte einstmals nicht nur eine eigene ästhetisch-sportliche Qualität, die ihn "legendär" machte, sondern er spielte auch als soziokulturelles Identifikationsmodell für viele Menschen eine besondere Rolle. Matthias Marschik geht in seiner Untersuchung "Massen, Menatilitäten, Männlichkeit" über die "Fußballkulturen in Wien" noch einen Schritt weiter: Der populäre Massensport Fußball "bildet keineswegs nur ein Abbild gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Prämissen, sondern bildet eigene Sportkulturen heraus, die Entwicklungen in anderen Feldern der Gesellschaft vorwegnehmen oder abändern oder auch eigenständige Bedeutungen auf- und ausbauen können." Im speziellen Fall des Wiener Fußballsports ist dieser also nicht nur "Abbild einer Wiener Identität", sondern leistet eigenständige Beiträge zur "Ausbildung, Aufrechterhaltung oder Veränderung einer urbanen Wiener Mentalität."

Diese Bedeutung des Fußballs gründet zunächst auf der besonderen Stellung, die diese Disziplin im Vergleich mit anderen Sportarten genießt. Fußball diente deshalb immer schon als eine Art "Realitätsmodell" (Klaus Theweleit), aus dessen Analyse Vergleichbarkeiten zur ,realen Welt' des Politischen hergestellt werden sollten. Marschik bezieht sich einleitend indes nur knapp auf Konzepte zur Parallelisierung des Politischen mit dem Fußballerischen, sondern widmet sich sogleich den spezifischen Wiener Voraussetzungen. Hier wurde der Fußballsport seit den 1920er-Jahren zum dominierenden Sportzweig, "was seine massenkulturelle Präsenz und seine populäre Repräsentationen betrifft." Hinzu kommt freilich noch eine spezifische Wiener Melange: "Die Wiener Fußballkultur basiert letztlich auf der besonderen Mischung von ,Ordnung und Unordnung' […], verbunden mit einer dem Sport immer wieder nachgesagten, wenn auch nie wirklich existierenden, Neutralität und politischen Absenz sowie dem Gefühl des Kleinen Glücks, wie es gerade in der Möglichkeit des Sieges des Kleinen gegen den Großen […] zu finden ist."

In einem "historischen Längschnitt" beleuchtet der Band die Wiener Fußballkulturen. Der Streifzug durch die Historie beginnt um 1900, als der ,englische' Sport in Wien durch die Verbandsgründung ,ordentlich' in die bürgerliche Welt integriert wurde. Daran änderte auch die bald schon wachsende Popularität des Sports in der Arbeiterschaft nicht grundlegend etwas. Die "bürgerliche Hegemonie" über den Fußball blieb ungebrochen. Trotzdem trugen zur Popularisierung des Massensports Fußball in Wien seit den 1920er-Jahren gerade die Stadtduelle zwischen der ,bürgerlichen' Austria und dem "1. Wiener Arbeiter-Fußballklub", dem Sportklub Rapid bei. Aber es war nicht nur die ,soziale Konkurrenz', die das Duell attraktiv machte. Beide Vereine repräsentierten auch die bestimmenden Auffassungen des Wiener Fußballs. Hier das technikbetonte körperlose Spiel, das von Spielern wie dem "Papierenen", Matthias Sindelar, zur erfolgreichen Fußballkunst veredelt wurde - dort der zähe, auf Kondition basierende Kampfgeist des Arbeiterklubs, in dessen berühmter "Rapid-Viertelstunde" noch so manches Spiel gedreht wurde. Beide Spielweisen verschafften den Wienern (und den Österreichern) während der NS-Zeit "das kleine Glück", als in den Spielen gegen Vereine des "Altreichs" beeindruckende Siege errungen wurden. Geradezu idealisiert als eine Art österreichische Widerspenstigkeit gegen die Vereinnahmung des großen Nachbars wurde das mit "List, Kreativität und ,Wiener Schmäh'" verbundene ,Scheiberlspiel', mit dem man dem einfallslosen deutschen ,Kraftfußball' begegnete. Ein schöner Trug …

Nach dem Krieg erlebte die "fußballerische Begeisterung in Wien" noch einmal Höhepunkte. Sie kulminierte in der Begeisterung für die 1954er-Weltmeisterschaft im Nachbarland Schweiz. Doch wurde nun auch deutlich, "dass die lokale Fußballkultur […] sukzessive durch ein sportliches Nationalgefühl verdrängt wurde." Die "Wiener Vorherrschaft im Fußball" fand ihr Ende. Die "Verösterreicherung" des Fußballs bedeutete aber zugleich auch eine Provinzialisierung. Im professionalisierten Spektakel des Weltfußballs spielt Österreich seitdem nur eine kleine Nebenrolle.

Wenn aber Matthias Marschik zum Ende seiner interessanten Studie "in den letzten Jahren eine Wiederkehr der Traditionen des Wiener Fußballs" feststellt, dann ist dies auch ein Reflex auf die entfremdenden Mechanismen des ökonomisierten und globalisierten Fußballs. Es geht um die "Konstruktion eines Ortes, an dem in Zeiten der zunehmenden Fragmentierung von individueller Identität ein kollektives ,Wir'-Gefühl aufgebaut, in einer Phase der ,political correctness' bedingungslose Parteilichkeit gelebt werden kann." So wird das Stadion wieder zum "typisch wienerischen Ort", dem "Refugium des ,kleinen Glücks'".

Möglicherweise ist dieses "kleine Glück" aber nur für den Preis einer Selbsttäuschung zu erringen. So wie die von Marschik als Selbsttäuschung identifizierte politische Neutralität des Sports; sie ist letztlich eine Idealisierung, die, um mit Max Frisch zu sprechen, die politische Parteinahme, die man vermeiden möchte, bereits vorgenommen hat. Dennoch werden derartige irreführenden Idealisierungen zuweilen auch als das "Spezifische" des Sports herausgehoben, um diesen in der Konkurrenz zu anderen gesellschaftlichen Bereichen zu stärken.

[…]

(H.-Georg Lützenkirchen, Rezension für: literaturkritik.de. Rezensionsforum Nr. 8, 8. August 2008)


http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12122