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Kurzbeschreibung

Ich denke oft an Piroschka – Spurensuche im Stadttonkino Drosendorf


Im Foyer riecht es nach feuchtem Loden und Lakritze.

Dicke Schneewuzeln kleben an den Mänteln. Die Besucher stapfen den Kirchensteig durch tiefen Schnee und Sturm, überqueren die zugefrorene Thaya. Sie kommen aus Luden und Wolfsbach, Oberthürnau, Elsern und Eibenstein. Es sind kleine Dörfer, die rund um Drosendorf liegen und dunkel ist die Nacht. Dunkel wird es auch bald im Kinosaal werden, doch ist es warm. Der große Kanonenofen glüht. Die Sesselreihen im Saal füllen sich rasch und eine ausverkaufte Vorstellung ist eher die Regel und nicht die Ausnahme. Hinter dem Rücken des Gendarmen gibt es die »eingeschobenen« Karten zu kaufen, Karten die von einem zuvor gespielten Film übrig geblieben waren. Sessel werden dazugestellt, denn wer lässt sich schon gerne abweisen, wenn er eine gute Stunde Fußmarsch hinter sich hat?

Vor über 80 Jahren entschloss sich der Wirt des »Goldenen Lamms« in die Zukunft zu investieren: Er nahm ein Kino in Betrieb, stellte 180 Sessel in seinen Speisesaal und Bauern, Kaufleute, Heimarbeiterinnen, Großmütter und Rotzbuben wurden kinonarrisch. Sonntag – nicht Samstag, denn da wurde »eher geheiratet« – war Lichtspieltag; und nach der Kirche ging die Bevölkerung zielstrebig in die Gaststube, um sich die Eintrittskarten zu sichern. Nie ist es vorgekommen, dass ein Platz leer geblieben wäre. Man saß dritte, zweite und erste Klasse. Dritte Klasse, das waren die wackeligen, alten Sessel in den vorderen Reihen. Wer erste Klasse saß, thronte dafür auf Thonet-Stühlen. Die beiden Sessel links neben der Tür waren für die Gendarmen reserviert. Sie kombinierten Pflicht mit Vergnügen. Und hinter der Tür standen jene, die der Gendarm nicht eingelassen hatte, und verfolgten die verbotenen Kussszenen durchs Schlüsselloch. Frau Lina, eine Schwester des Wirtes, begleitete die Stummfilme am Klavier. Die Noten kamen mit den Filmkopien, doch versierte Kinopianisten improvisierten vor der Leinwand. In spannenden Momenten spielte sie dramatisch in Moll, und lustig wechselte sie in Dur bei Sketches und Slapsticks. Fiel bei einer Szene ein Schuss, so klappte Frau Lina, um die Dramatik zu steigern, den Klavierdeckel heftig zu.