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Kurzbeschreibung

Photogr. Gerhard Trumler. Text Adalbert Stifter
[Bunte Steine : Katzensilber] / Adalbert Stifter


Er erzähle, so leitet Adalbert Stifter eine seiner Novellen ein, eine Geschichte, in der nichts Ungewöhnliches vorkommt und die er doch nicht habe vergessen können. So unauffällig-eindringlich sind die Gegenstände des Photographen Gerhard Trumler, der sich wie Stifter den kleinen Dingen der Natur und der einfachen Menschen, die mit und in ihr leben, zuwendet.

Das Geheimnis dieser Aufnahmen besteht in einer Technik, die sich bemüht, gestochene Schärfe in allen Bildteilen zu erreichen. So unterlaufen sie die „malerischen oder impressionistischen" Möglichkeiten der Photographie zugunsten einer aperspektivischen Detailgenauigkeit, die der musivischen Beschreibungskunst Stifters nahekommt; eine Blutenlese seiner schönsten Naturschilderungen begleitet sehr passend die Bilder. Sehr behaglich geht es weder bei Stifter noch auch in Trumlers Bildern zu. Alles Kleine spiegelt nur die Gesetze eines eiskalten oder in Feuerkatastrophen sich verzehrenden Weltalls. Das Mittlere und Warme sind immer bedrohte menschliche Errungenschaften.

In vielen Bildern dieses Buches ist es kalt geworden, und auch aufgemalte Tapeten können die Armut nicht mehr verstecken. Heute kommt zur unbehaglichen Idyllik der Stifterwelt noch der historische Aspekt hinzu, der von überholtheit. Trumler zeigt eine verschwindende Lebensform mit anderen Zeitmaßen und ihrer eigenen Poesie. Seine Kunst beruht auf der Vermeidung jeglicher Sentimentalität, dem Bestehen auf Kälte, Verlorenheit, Enge und auch Armut dieses Daseins. Die Schönheit ist das Unerwartete, sie kommt aus der Ruhe, die Bilder und Texte vermitteln.


Rezensionen
jgj: Das Huhn als Huhn tragen

Das Mühlviertel ist eine arme Gegend. Die österreichische Grenzlandschaft zwischen Bayern und Böhmen hat eine bäuerliche Welt bewahrt, die fast überall in Mitteleuropa sonst hinter Glasbausteinen und Kunststoffputz ihr Gesicht verloren oder aber ins Touristische, karikaturhaft Renovierte hochgeschminkt hat. Die Höfe liegen einsam, sie sind groß und trutzig, aber das Leben darin, das Gerhard Trumler meisterhaft, ohne Sentimentalität und falsche Begeisterung fotografiert hat, ist von einer überwältigenden Kargheit.

Der Bauer schneidet das Brot mit der typischen Bauerngeste, wie sie schon auf den Bildern der Breughels zu sehen ist; die Tapeten sind vom Anfang des Jahrhunderts, die Hoftore vielleicht aus dem siebzehnten; und manches, was nur ins neunzehnte zurückreicht, ist doch genauso gemacht, wie es schon im Mittelalter gemacht wurde. Armut bewahrt die Tradition. Das mag zynisch klingen, aber es ist der gesellschaftliche Zusammenhang, der zynisch ist. Die Bilder Trumlers zeugen nämlich nicht nur von Rückständigkeit, sondern auch von dem schrecklichen Preis, den der Fortschritt im Zeichen des Kapitalismus fordert.

Man betrachtet die Bilder nicht mit Mitleid, sondern mit Staunen und Sehnsucht. Die Bauerngesichter sind nicht nur von harter Arbeit gezeichnet, sondern auch von der Selbständigkeit und dem Stolz auf eigenen Grund und Boden. Es wäre schwer, in den Physiognomien von Angestellten, deren Monatseinkommen das Zehn-, vielleicht Zwanzigfache beträgt, vergleichbare Würde zu finden. Wie die Bäuerin auf unserer Abbildung das Huhn trägt, nicht als Hätscheltier, aber auch nicht als Schlachtvieh allein, führt eine längst verlorene Selbstverständlichkeit vor Augen. Sie trägt sozusagen das Huhn als Huhn. Beide sind ganz bei sich selbst. Fast sehen sie sich ähnlich.

(jgj, Rezension in: Berliner Zeitung, 5.7.1997)


http://www.berliner-zeitung.de/archiv/-katzensilber---gerhard-trumlers-fotografische-ansichten-vom-muehlviertel-das-huhn-als-huhn-tragen,10810590,9302336.html