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Kurzbeschreibung

7. September

Immer wieder auf der Suche nach Bildern für mein indisches Notizbuch aus dem Fenster des Restaurants schauend, an einer Hausmauer auf einen übergroßen Bildschirm blickend, auf dem als Werbung für "Tata Sky" ein Inder mit einem Besen in einer langen Straße auf dem Boden liegende Augengläser zu einem zwei Meter hohen Haufen zusammenkehrt und schließlich in einen großen Müllbehälter hineinschaufelt, kam mir wieder das Bild vor Augen, als ich gestern in der Nähe des Hotels am Zebrastreifen über die Straßen gegangen war und Angst gehabt hatte, zwischen den links und rechts an mir vorbeiflitzenden Autos, die mich in ein kleines, mir noch am Asphalt verbleibendes Dreieck hineinschnitten, überfahren und zerdrückt zu werden, ich am liebsten zu weinen begonnen hätte und mich schon darauf - immer wieder auf die auf mich zufahrenden Autos starrend - eingestellt hatte, zu versuchen, bevor mir ein Auto über die Füße fährt, auf das Heck eines Autos zu springen, mich an der Windschutzscheibe bei den Scheibenwischern festzuhalten, um nicht überfahren und verkrüppelt zu werden. Die Autofahrer sind in Kalkutta den Fußgängern gegenüber vollkommen rücksichtslos, an keinem Zebrastreifen, oft auch an einer grünen Ampel nicht, kann man sicher und geschützt über die Straße gehen.

Als ich vor ein paar Tagen in Europa anrief und meinem zehnjährigen Sohn Kasimir von meinen Angstzuständen erzählte, die Worte gebrauchte: "Es geht mir schlecht!", antwortete er: "Laß es dir gutgehen!" Die dreijährige Siri, die ebenfalls mitbekommen hatte, dass es mir in diesen ersten Tagen in Kalkutta nicht gutgeht, sagt "Babu soll kommen!" und legt sich immer wieder in mein. Christina sagte, dass sie das Bett während meines Kalkutta-Aufenthaltes nicht frisch überziehen werde.


Rezensionen
Christian Schacherreiter:

Das "Fest für Josef Winkler", das in der Vorwoche im Rahmen der "Salzkammmergut Festwochen" zelebriert wurde, nahm Verleger Richard Pils zum Anlass, um ein druckfrisches Buch von Winkler zu präsentieren. Es handelt sich um einen Faksimile-Druck von "Kalkutta. Tagebuch I", ein heißer Tipp für alle Freunde bibliophiler Ausgaben.

Mehr als 80 Notizbücher hat Josef Winkler bisher vollgeschrieben, minutiöse Protokolle seiner Wahrnehmungen, festgehalten in Handschrift mit Füllfeder. Auf diese Weise hat sich der Indienreisende auch als informeller Stadtschreiber von Kalkutta betätigt.

Immer ist es ein kraftvolles Bild, an dem der Autor nicht vorbei kann, ohne es in der Sprache festzuhalten und mit der Sprache zu bearbeiten: die Krähen auf dem Fleischwolf des Fleischverkäufers, ausgemergelte Männer mit Obstkisten auf den Köpfen, ein bärtiger Moslem, der laut keuchend Wasser in einen Lederbalg pumpt.

Optische Wahrnehmungen dominieren zwar im Kalkutta-Tagebuch, aber auch Gerüche und Geräusche hält Winkler fest, der sich als Wahrnehmendes Subjekt nicht in neutrale Distanz rettet. Er spricht auch von seinem Ekel beim Riechen verwesenden Fleisches, von Augenblicken der Angst in dieser anderen Welt, die auch nach zehn Indienreisen für den Mitteleuropäer ihre Befremdlichkeit nie ganz verliert. Romantisierender Exotismus liegt Winkler fern.

"Kalkutta. Tagebuch I" ist nicht das erste Indien-Buch von Josef Winkler in der "Bibliothek der Provinz". Schon 2006 erschien der Band "Indien", den Winkler gemeinsam mit seiner Gattin, der Fotografin Christina Schwichtenberg, zusammengestellt hat und in dem vor allem Eindrücke ihrer Reise nach Varanasi, der heiligen Stadt der Hindus, in Sprache und Fotografie festgehalten sind.

Varanasi wird auch "Mahashmashana" genannt ("Großer Einäscherungsplatz"), ein Ort, der für Josef Winkler, diesen "virtuosesten Leichenbestatter der Gegenwartsliteratur" (Sigrid Löffler), wie geschaffen ist.

(Christian Schacherreiter, Rezension in: Oberösterreichische Nachrichten, 3. August 2011)