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Kurzbeschreibung

Die DC-8 lag ruhig auf ihrem Kurs. Die Flughöhe betrug 12000 Meter. Die Sonne blendete durch die Kabinenfenster, daher hatten die meisten Passagiere Sonnenbrillen vor den Augen, andere begnügten sich damit, die Vorhänge zuzuziehen.

Die Kursmaschine Kopenhagen – Tokio überflog Spitzbergen. Es war Land, vergletschertes Land zwar, aber immerhin Land. Was dann folgte, war das unendliche Schweigen. Es begann mit treiben­den Eisbergen, und knapp dahinter, einige Flugminuten später, breitete sich die blendend weiße Wüste aus.

Die Triebwerke arbeiteten gleichmäßig. Die Stewardess servierte Getränke. Die Luft war angenehm temperiert. Einige Passagiere schliefen.

»Wie lange haben wir noch zum Pol?«, fragte Herr Sören.
»Eine Flugstunde noch«, antwortete die Stewardess.
»Danke.«

Herr Sören lehnte sich genießerisch zurück und blickte aus dem runden Fenster. Hingen sie in der Luft? Rasten sie durch den Raum mit 900 Stundenkilometern? Wären nicht ab und zu Risse und Barrieren im Packeis gewesen, er hätte keine Bewegung fest­stellen können.

»Ja, der Pol«, murmelte er vor sich hin.

Sein Sitznachbar blickte von seinem Buch auf und schob die Brille in die Stirne.

»Ein geographischer Punkt – weiter nichts«, sagte er, »er unter­scheidet sich nicht von seiner Umgebung.«
»Gewiss, aber es muss doch ein eigenartiges Gefühl sein, auf einem Punkt zu stehen, wo es nur eine Himmelsrichtung gibt, nämlich Süden«, sagte Herr Sören.
»Ja. Das stimmt schon. Das hat auch viele Abenteurer und For­scher verlockt, ihr Leben dafür einzusetzen«, sagte Herr Karlsen.
»Andree zum Beispiel, Peary und Nansen, Byrd und Nobile und noch einige«, zählte Herr Sören auf.

»Bei Nansen war das ein wenig anders. Es war ihm nicht einzig und allein darum zu tun, dass er den Pol erreichte. Er war doch mehr Forscher als Abenteurer. Er hatte schon auf seinem Marsch zum Pol erkannt, dass es keine wesentlichen Unterschiede zwi­schen dem Punkt, den er erreicht hatte, und dem Pol geben kann«, behauptete Herr Karlsen.


Rezensionen
Martin Petrowsky: Eine Fridtjof Nansen-Biografie

Wie die Welt entdeckt wurde – dieses Buch schenkten mir, als damals Halbwüchsigem, meine Eltern Anfang der Fünfzigerjahre, und seither ist mir Fridtjof Nansen als Polarforscher ein Begriff. Er war einer von jenen Abenteurern, die keine Mühen scheuten und ihr eigenes Leben riskierten, um die letzten weißen Flecken auf der Landkarte zu tilgen.

Wissen die Zehnjährigen heute noch, wer Marco Polo (nein, kein Reiseführer!), Nansen oder Livingstone waren? Auch die Erinnerung an einstige Helden verblasst; umso wichtiger ist es, dass die eindrucksvolle Biografie Wilhelm Meissels über einen Mann, dessen wichtigste Leistungen für die Menschheit erst nach Beendigung seiner Forschungsreisen erbracht wurden, nun wieder als Buch erhältlich ist.

Wenn man das spannende Leben Nansens in dieser sorgfältig recherchierten Darstellung verfolgt, werden einem nicht alle Details sympathisch sein: Seine ersten Erfahrungen mit dem Eismeer machte er als Robbenjäger, der seine Kollegen durch seine Zielsicherheit als Schütze verblüffte; später waren ihm, trotz aufrichtiger Liebe zu seiner Frau, Abenteuer und Forschung wichtiger als seine Familie. Doch er, Spitzensportler (als Skispringer) und wissenschaftlicher Erneuerer auf vielen Sektoren, konnte nicht anders. Er musste sich komplett in den Dienst seiner visionären Ideen stellen und er nahm weder auf sich selbst, noch auf seine Mitstreiter Rücksicht, wenn es galt, ein Ziel zu erreichen, eine These zu beweisen. Nach einer spektakulären Grönland-Durchquerung, die niemand für möglich gehalten hatte, behauptete er, den bis dahin unentdeckten Nordpol aufgrund der von einer Strömung nach Norden driftenden Eisdecke erreichen zu können; es gehe nur darum, ein Schiff zu bauen, das dem Eisdruck standhalten würde. Und Nansen erbrachte den Beweis auf einem von ihm selbst konstruierten Schiff, wenngleich er nicht bis zum Nordpol kam, weil die Strömung vorher wieder nach Süden abdrehte.

Nachdem Nansens weltweiter Ruhm durch diese in dem Buch mitreißend geschilderte Expedition begründet war, wurde er nun, neben der Fortführung seiner wissenschaftlichen Arbeit, immer stärker in politische Funktionen gedrängt, für die ihn seine Gradlinigkeit, seine persönliche Bescheidenheit und sein diplomatisches Geschick prädestinierten. An der Schwelle eines Unabhängigkeitskrieges seines Heimatlands Norwegen mit dem übermächtigen Schweden hatte er schon 1905 eine diplomatische Lösung erreicht. Mehr als ein Jahrzehnt später gelang es Nansen, gegen die durch den Ersten Weltkrieg verursachten Hunger- und Flüchtlingskatastrophen in Europa Hilfsaktionen ungeahnten Ausmaßes zu organisieren, für die er selbst das Geld bei Regierungen und Privatorganisationen aufzubringen vermochte. Schließlich erfand und implementierte er nach Kriegsende noch den „Nansen-Pass“, der Hundertausenden Flüchtlingen quer durch Europa wieder ein Mindestmaß an Legalität brachte. Diesem humanitären Einsatz opferte er alle seine sonstigen Interessen und er wurde dafür völlig zu Recht 1922 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Wer die Dramatik der europäischen Geschichte des beginnenden 20. Jahrhunderts nicht aus der Perspektive der Politik, sondern aus jener der leidenden Völker verstehen will, sollte dieses Buch über einen „Helden ohne Gewalt”, der Nansen in der 2. Hälfte seines Lebens zweifellos war, unbedingt lesen. Schade nur, dass der Verlag bei der Neuauflage auf authentische Fotos und Landkarten, die für das bessere Verständnis der Expeditionen des Forschers in der ersten Lebenshälfte notwendig wären, verzichtet hat.

(M. Petrowsky, Rezension in: Der literarische Zaunkönig. Zeitschrift der Erika Mitterer-Gesellschaft Nr. 3/2016, S. 44)


http://www.erika-mitterer.org/dokumente/ZK_2016-3/meissel_nansen_2016-3.pdf