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Kurzbeschreibung

Der Frühlingsmond stand über dem einsamen Bergtal, alles war so deutlich zu sehen wie am Tag, nur ohne das bunte Farbengemisch; Wiesen, Berghänge und Wald waren grau geworden oder feierlich schwarz, dort, wo die Mondschatten lagen. Der Spiegel des Weihers am Ende des Tales und das breite Band des Wasserfalls weiter oben im Gestein glitzerten silbrig.

Nicht ein Windhauch regte sich, und in der Mondnachtstille war kein Laut zu vernehmen, zumindest nicht für ein menschliches Ohr. Für ein Hasenohr freilich schon. Denn selbst die friedlichste aller Talnächte ist erfüllt von Geräuschen, von fast lautlosem Tappen und Huschen, von Rascheln, Flüstern, Wispern und Wispeln. Pimpernel, der junge Hase, saß unter den Bäumen am Waldrand, hatte die Ohren aufgestellt und lauschte. Aber was er wahrnahm – all die winzigen Töne und Laute –, beunruhigte ihn nicht. Er wusste, dass es nur harmloses Getier war, wie er selber unterwegs auf Futtersuche. Auch die beiden Menschenwesen neben dem Weiher am Talende störten ihn nicht. So jung er war, hatte er doch schon gelernt, Menschen in zwei Sorten einzuteilen. Die eine war tolpatschig und etwas töricht, aber ungefährlich. Man brauchte sich bloß niederzuducken und schon war man für sie unsichtbar. Die andere Sorte, jene, die Blitz und Donner im Wald verbreitete, war gefährlich, aber zum Glück selten und immer nur im Herbst anzutreffen.

Zwei Talgespenster, die sich am Weiher herumtrieben, beachtete Pimpernel ebenfalls nicht. Sie waren schon immer dagewesen, längst bevor er auf die Welt gekommen war, und sie taten keinem Tier ein Leid an. Pimpernel hoppelte auf die Wiese hinaus. Ein Duft war ihm in die Nase gestiegen, der ihm sagte, dass dort im Gras sein Lieblingskraut wuchs. Nachdem er jedoch zwei oder drei Blätter genibbelt hatte, hörte er zu fressen auf. Eine seltsame Unruhe hatte ihn erfasst, die er sich nicht erklären konnte. Und genauso war es gestern Nacht und vorgestern Nacht gewesen. Pimpernel seufzte und fuhr sich mit der Vorderpfote über die Schnauze. In seinem ganzen Hasenleben – er war vor einem Jahr auf die Welt gekommen – war ihm so etwas noch nicht widerfahren. Beinahe kam er sich so verloren vor wie nach dem Abschied vom elterlichen Nest. Seine Brüder und Schwestern waren unbekümmert von daheim fortgelaufen, er selber hatte noch lange unter der Trennung gelitten, zumindest einen Tag und eine Nacht. Damals war Pimpernel zu der Erkenntnis gekommen, dass er ein gefühlvoller Hase war. Was ihn jetzt plagte, hatte auch etwas mit Gefühl zu tun, das ahnte er.

Er hoppelte eine Schleife im Gras und hielt wieder vor dem Kraut an. Der Duft konnte seinen Hunger nicht mehr reizen. Pimpernel seufzte ein zweites Mal. »Guten Abend, Pimpernel«, sagte eine sanfte Stimme neben ihm. Pimpernel war so erschrocken, dass er in die Luft sprang und mit größter Hasengeschwindigkeit – das sind achtzehn Meter in der Sekunde – fliehen wollte, als ihm bewusst wurde, dass es weder Fuchs noch Uhu noch sonst ein Hasenfeind war, der ihn angesprochen hatte. Er bremste mitten im Sprung und landete wieder auf demselben Fleck. »Ach, du bist es, Tengi!«, sagte er erleichtert. Vor ihm stand das dritte der Talgespenster. Die beiden waren gut miteinander bekannt ...