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Kurzbeschreibung

Texte Rudolf Divinzenz … Fotos Karl Schuber. Hrsg. vom Verein Dorfgemeinschaft Erla


Meine Reise begann mit dem Zeigefinger auf der Landkarte. Erla – dieser Ort war für mich unbekanntes Terrain. Er löste weder irgendeine Assoziation noch Gefühle in mir aus, kurz: es war mir egal. Was mich aber interessierte war der Grund, weshalb ich dorthin sollte. Das sehr theoretische Unileben einmal mit der Praxis zu verbinden, in Form einer Dokumentation des Alltagslebens der Erlaer, reizte mich sehr. Mir fiel kein einleuchtender Grund ein, nicht mitzumachen. Wieso sollten auch die Ashanti in Ghana oder die Baltis in Pakistan interessanter sein als die Erlaer in Niederösterreich. Ich bin überzeugt, dass die Bewohner von Erla keine Studenten brauchen um ihr Wissen über Historisches, Mythisches, Bräuche und »G’schichtln« festzuhalten, dazu ist die Aufenthaltsdauer viel zu kurz und das Engagement des Dorferneuerungsvereines zu groß.

Es gibt aber doch eine Kleinigkeit, die wir zu diesem Vorhaben beitragen können: unseren Blick von außen! Als Gast, der plötzlich an einem ihm fremden Dorfleben teilnimmt, nimmt man Dinge wahr, die für die Bewohner untergehen da sie bereits zum Alltag gehören. Meine Sichtweise von außen, die Wahrnehmungen und auch Empfindungen dieser vier Tage, die ich während meiner Gespräche und meiner Beobachtungen hatte, möchte ich hier festhalten – auch als kleines Dankeschön für die herzliche Aufnahme und die mir entgegengebrachte Offenheit. Also setzte ich mich am Montag, den 15. November gemeinsam mit Konrad, einem Forscherkollegen, in den Zug Richtung St. Valentin. Da ich nicht wirklich wusste was mich erwartet, konnte ich auch nichts planen. Ich musste aber unweigerlich an mein Heimatdorf denken: klein, unauffällig, jeder kennt jeden – viel Klatsch, nach außen hin uninteressant. Ich wollte mich überraschen lassen von Erla.

Unser erster Weg führt zum »Reisinger«, dem einzigen Wirten im Ort, bei dem bereits mehrere Kollegen versammelt sind. Das Gasthaus ist sozusagen unsere Basisstation: Es befindet sich im Dorfzentrum, hier werden wir »Studenten« während unseres Aufenthaltes verköstigt, und es gilt auch bei den Erlaern als »der« Ort der Kommunikation. Beim gemütlichen Zusammensitzen samt tollem Essen überlegen wir uns die weitere Vorgehensweise. Mein Schwerpunkt verlagert sich auf die Jugend und die jungen Mütter Erla’s. Nach diesem tollen Start verlasse ich die Runde mit meinen »Gastgebern« und mache mit meinem Nachtquartier Bekanntschaft. Die Überraschung ist groß. Den Begriff »Dorf« assoziierte ich bis dahin immer mit Konservatismus, bürgerliches, einfaches, recht einseitiges Leben, grob gesagt »hinterwäldlerisch« – und »Stadt« bedeutete für mich unendlich viele Möglichkeiten: Kultur-, Ausbildungs-, Freizeitangebote, ein Ort an dem der persönlichen Entfaltung nichts mehr im Wege steht.

Und da stehe ich nun vor einem Holzhaus, bei dessen Einrichtung jeder esoterisch und kreativ angehauchte Umweltfreak vor Neid erblassen würde und erfahre etwas später von der eher ungewöhnlichen Leidenschaft von Herbert: der Astrologie. Ab diesem Zeitpunkt war mir klar, dass mich dieses Dorf noch in so mancher Hinsicht überraschen würde.