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Kurzbeschreibung

Hans Christian Andersen. [Ill. von Franz Wacik]


Seht nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte sind, wissen wir mehr als jetzt, denn es war ein böser Kobold! Es war einer der allerärgsten, es war der Teufel! Eines Tages war er recht bei Laune, denn er hatte einen Spiegel gemacht welcher die Eigenschaft besaß, dass alles Gute und Schöne, was sich darin spiegelte, fast nichts zusammenschwand, aber das, was nichts taugte und sich schlecht ausnahm, hervortrat und noch ärger wurde. Die herrlichsten Landschaften sahen wie gekochter Spinat darin aus, und die besten Menschen wurden wiederlich und standen auf dem Kopf ohne Rumpf, die Gesichter wurden so verdreht, dass sie nicht zu erkennen waren, und hatte man einen Sonnenfleck, so konnte man überzeugt sein, dass er sich über Nase und Mund verbreitete.

Das sei äußerst belustigend, sagte der Teufel. Fuhr nun ein guter frommer Gedanke durch einen Menschen, dann zeigte sich ein Grinsen im Spiegel, so dass der Teufel über seiner künstliche Erfindung lachen musste. Alle welche die Koboldschule besuchten, denn er leitete eine Koboldschule, erzählten überall, dass ein Wunder geschehen sei; nun könne man erst sehen, meinten sie wie die Welt und die Menschen wirklich aussähen. Sie liefen mit dem Spiegel umher, und zuletzt gab es kein Land oder keinen Menschen mehr, welcher nicht verdreht darin erschienen wäre. Nun wollten sie auch nicht zum Himmel auffliegen, um sich über die Engel und den lieben Gott lustig zu machen. Je höher sie mit dem Spiegel flogen, umso mehr grinste er; sie konnten ihn kaum festhalten. Sie flogen höher und höher, Gott und den Engeln näher; da erzitterte der Spiegel so fürchterlich in seinem Grinsen, dass er ihren Händen entfiel und zur Erde stürzte, wo er in hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zersprang.

Und nun gerade verursachte er ein weit größeres Unglück als zuvor; denn einige Stücke waren kaum so groß wie ein Sandkorn, und diese flogen ringsumher in der weiten Welt, und wo jemand sie ins Auge bekam, da blieben sie sitzen, und da sahen die Menschen alles verkehrt oder hatten nur Augen für das Verkehrte einer Sache; denn jede kleine Spiegelscherbe hatte dieselben Kräfte behalten, welche der ganze Spiegel besaß. Einige Menschen bekamen sogar eine Spiegelscherbe ins Herz, und dann war es ganz gräulich; das Herz wurde einem Klumpen Eis gleich. Einige Spiegelscherben waren so groß, dass sie zu Fensterscherben verbraucht wurden; aber durch diese Scheiben taugte es nicht, seine Freunde zu betrachten. Andere Stücke kamen in Brillen, und dann ging es schlecht, wenn die Leute diese Brillen aufsetzten, um recht zu sehen und gerecht zu sein; der Böse lachte, dass ihm der Bauch wackelte, und das kitzelte ihn so angenehm. Aber draußen flogen noch kleine Glassscherben in der Luft umher. Nun werden wir's hören!


Rezensionen
Marion Obermayr: Kunstmärchen des Biedermeier für Kinder und Erwachsene. (DD)

Die Frage nach den verschiedenen Möglichkeiten menschlicher Wahrnehmung sowie deren Wirkung auf das Bewusstsein exemplifiziert Andersen in eindeutiger Metaphorik in der Auseinandersetzung zwischen der mit Gott verbundenen menschlichen Natur und der "abstrakten Vernunft" (Reich der Schneekönigin). Der Konflikt wird in der Freundschaft von Gerda und Kay personalisiert. Beide sehen mit den Augen und dem Herzen gut, bis plötzlich winzige Scherben eines im Angesicht Gottes zerbrochenen teuflischen Spiegels Kay verletzen und er nur noch das Verkehrte einer Sache sieht, wobei sein Herz zu Eis erstarrt. Kay verlässt die ihnen beiden zuvor gemeinsame Wirklichkeit und folgt der Schneekönigin. Gerda erlöst ihren Freund.

"Die Schneekönigin" gilt als Andersens ehrgeiziger Versuch, seine Weltanschauung auszusprechen. Die Haltung, mitverantwortlich zu sein für den Beziehungsraum zu Menschen, die man sich vertraut gemacht hat, wird in der Figur der Gerda versinnbildlicht als eine Variante eines geglückten Da-Seins, Dabei-Bleibens bei sich und dem anderen. In die Gestaltung von Gerdas Suchwanderung, einer Reise durch verschiedene Länder, finden auf verschiedenen Stationen Märchenmotive Eingang wie der Zaubergarten, der goldene Kamm, die Rose als Symbol der Erinnerung, hilfreiche sprechende Tiere und Pflanzen, der Kuss des Vergessens und die Bewährung durch Lösen der Aufgabe.

In der "Schneekönigin" verbindet Andersen diese bekannten Märchenmotive zu einer neuen Einheit. Franz Waciks filigran gestaltete Illustrationen erhöhen den Lesegenuss. Die empfehlenswerte Ausgabe ist ergänzt durch eine kurze Lebens- und Werkdarstellung des Dichters Andersen sowie des Malers und Grafikers Franz Wacik.

(Marion Obermayr, Rezension für: bn.bibliotheksnachrichten, [?])


http://www.biblio.at/rezonline/ajax.php?action=rezension&medid=28184&rezid=23769