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Kurzbeschreibung

[Fritz Fellner … Hrsg. vom Arbeitskreis "Geschichte und Kultur im Freiwald"]


Als St. Oswald ein „Kaiserreich" war
von Karl-Heinz Auburger

Man wird vergeblich in den Geschichtswerken unseres Heimatlandes blättern, keines verzeichnet eine Schlacht beim Größling, auf halbem Wege zwischen Freistadt und St. Oswald. Und dennoch fand dort ein Treffen statt, das wie das bekannte Hornberger Schießen endete: Es gab weder Sieg noch Niederlage. Darum ging es auch in diesem Kampf nicht.

Es war ein fröhlicher Zeitvertreib in einer Zeit, in der man gar nicht daran dachte, daß es so etwas wie einen Weltkrieg einmal geben könnte. Es war, als die Mühlviertler Orte von den Städtern für ihren Sommeraufenthalt ausgewählt wurden. St. Oswald war auch ein beliebter und gern besuchter Sommerfrischlerort. Schon um die Jahrhundertwende kamen alljährlich die Stammgäste. Dazu gehörten Geschäftsleute aus Wien und Linz, Angestellte, Lehrer, ab und zu erschien auch eine Hofratswitwe mit den Kindern. Wohl hatte der Verschönerungsverein ein hübsches Bad errichtet und nette Wanderwege angelegt, aber an richtigen Unterhaltungen, da fehlte es. Manchmal ein Gartenfest oder ein Bunter Abend, bei dem auch die Gäste als Künstler manchmal auftraten, das war den Erholungssuchenden doch zuwenig.

So kam die übermütige Jugend, und die Alten machten dabei mit, auf den Gedanken, wie Kinder Soldaten zu spielen und dabei das Soldatentum ein bißchen zu verulken. Ein findiger Lehrer aus Wien schlug vor, eine Garde aufzustellen, genau so eine, wie sie Freistadt hatte. Die Bewaffnung sollte aus Holzschwertem und Holzgewehren bestehen und durch Exerzieren, Turnen und Wandern sollte die Sache den nötigen Schliff bekommen.

Der Vorschlag fand begeisterte Aufnahme, ja man ging gleich so weit, ganz Oswald für die Dauer der Sommerfrische als eigenes Kaiserreich auszurufen. Der Lehrer wurde zur Majestät erkoren und als „Ah-geh-haß-is I." gekrönt.

Diese Bürgerwehr-Konkurrenz nahmen die Sommergäste von Freistadt nicht widerspruchslos hin. Die wandelten kurzerhand die „Freie Stadt" zur ersten kaiserlichen Republik um und wählten den Mediziner Sylvester Schwarz (er war später Medizinalrat in Leonfelden) zum „Republikanischen Kaiser Wester I.".

Dieser erklärte daraufhin dem „Nachbarstaat" den Krieg. Es wurde eine formelle Kriegserklärung abgefaßt, die von beiden Regenten unterfertigt wurde. Darinnen wurden auch gleich Ort, Tag und Stunde des Treffens vereinbart. Ein Manifest Westers I. stampfte innerhalb zweier Tage eine Armee aus dem Boden, wie sie nur ein durch Jahrhunderte an Selbstverteidigung gewohntes Städtchen aufbringen konnte. Am Tag der Schlacht, es war Sonntag, der 24. August 1908, nahm Wester I. am Freistädter Hauptplatz Punkt zwölf die Parade ab. Hoch zu Roß - ein alter, mondblinder Schimmel eines Fleischhauers war das Leibpferd - ritt der „Kaiser" die Front ab. Da gab es Fußvolk mit Stoppelbüchsen und Kindergewehren, eine Artillerie mit Kanonen aus Ofenrohren, aufmontiert auf von Buben gezogenen Karren und einen respektablen Marketenderwagen mit Sanität und hübschen Marketenderinnen.

Der „Bader" war der ewige Medizinstudent Totila. Er hatte vom Brauhaus einige Fässer Freibier requiriert, von den Fleischern und Bäckern Würste und Brot erhalten. Für Stärkung war also bestens gesorgt.

Nach einer feierlichen Ansprache und der Weihe der Fahne kommandierte Wester I.: „Mir nach!" und ritt zum Böhmertor hinaus. Vorgeschickte Kundschafter meldeten bald, daß der Gegner unterhalb des Größling seine Stellungen bezogen habe. Der Feldherr gab eine kurze Weisung: „Wir stürmen mit Hurra den Hang hinunter und dann ist die Schlacht aus!"

Kaum wurden die Oswalder ihrer Feinde ansichtig, begann in deren Kampfgeschrei die mitgenommene Marktmusik einen Marsch zu schmettern. Die Kapselbüchsen knallten und aus den Ofenrohren bellte der Kanonendonner.

Nach kurzer Balgerei gab der Trompeter durch sein „Abgeblasen" das Zeichen, den Kampf einzustellen. Die Majestäten reichten einander die Hand und umarmten sich brüderlich. Beide Heere marschierten nun gemeinsam zur Siegesfeier.

Unter Musikklängen und unter Jubel geschwenkten Tüchern marschierten sie in Oswald ein. Dort gab es im Gasthaus Edimayr ein Fest mit köstlichem Programm. Die Herrscher hielten Ansprachen, in denen sie die ewige Verbrüderung bekräftigten. Der nachmalige Heldenbariton der Wiener Staatsoper, Emil Schipper, sang Partien aus Wagner-Opern. Hans Wintersberger, genannt „Jochem der Bär" hielt eine Ansprache zum Thema „Die Urgegenwart der Vergangenheit".

Wann und wie die Freistädter nach Hause kamen, ist heute nur noch schwer zu sagen. Wochen später nahmen die Oswalder in Freistadt an einer Ordensverleihung teil. Die höchste Auszeichnung war der Orden „Für nichts und wieder nichts!" Wester I. nahm einen riesigen Eichenlaubkranz für seine Verdienste entgegen, den er weitergab: „Der wird recht für der Sulzerin ihre Goaß!"

Einen Sommer später trafen sich die tapferen Kämpfer nochmals am Schlachtfeld beim Größling. Sie hielten eine Gedenkfeier an den Kampf und enthüllten dabei einen Gedenkstein aus Pappkarton.


Quelle: Landesarchiv Linz, Echo der Heimat, 12. August 1950, Heimathaus Freistadt