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Kurzbeschreibung



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Aus dem Haustor trat eine etwa fünfzigjährige auf Krampfadern wandelnde Frau, welche mehr breit als hoch zu sein schien. Aber sie war nicht fett, sondern stämmig, sie hatte ihre Unterarme vor der Schürze verschränkt und ihre Beine leicht gespreizt im Boden versenkt. Der Hund hatte sich neben sie gesetzt, und so standen, bzw. saßen sie dort - wie angewachsen im Nachmittag.

Die Fürsorgerin kroch mit "Ähs" und "Ahs" aus dem Wagen, klappte den Sitz nach vorne: "Aussteigen". Ohne "Ähs" und "Ahs" kroch Franzi ihr hintenach. "Frau Mehringer?", fiepste die Fürsorgerin in Richtung der Bäuerin und dem Hund. "Ja", sagte jene. Das war es auch schon wieder. "Jaha...ich bin die Fürsorgerin und bringe den Buben ...wie vereinbart. Schiestl, Jugendamt Graz, Fürsorge Graz, Bezirkshauptmannschaft Graz, Jugendwohlfahrt Graz".

Währenddessen musterte die Bäuerin den Buben, als schiene sie zu überlegen, ob es besser sei, ihn vor einen Pflug oder Heuwagen zu spannen. "Ah", sagte die Bäuerin. "Viel ist an dem Krispinderl nicht dran".

[...]


Rezensionen
Ulrike M. Dierkes:

Kindheit ist kein Kinderspiel. Diese Erfahrung macht auch Franzi, dessen Mutter noch Elisabeth von einem Anderen und Hildegard von einem Anderen hat und mitsamt der drei Kinder als „Eierdiebin“ vom Ellertbauern rausgeschmissen wird. Solches Gesindel will der Bauer auf seinem Hofe nicht. Sie ziehen in das ländliche Häuschen ihres Opas nahe Graz. Seine Mutter sucht nun Arbeit und Franzi stellt fest, dass er keiner von hier ist, ein „Bastard“. Daran ändern auch dicke Wollsocken, Gummistiefel und bis zu den Knöcheln reichende viel zu weite Lederhosen nichts. Er erntet nur Gelächter seiner Schulkameraden, bis er sich wehrt und einen verprügelt, Milchzähne splittern und Blut spritzt. Die Freundesbande des Geprügelten lauert ihm auf. Wieder zuhause, erwartet Franzi nicht nur der Dorfgendarm, sondern auch noch eine Tracht Prügel mit dem Lederriemen.

In seinem Erstlingswerk beschreibt der 1952 in Graz geborene Franz Josef Stangl, wie er als unehelich geborenes Kind im erzkonservativen, amts- und titeldemütigen Österreich als Kind der Schande weder Rechte, etwa auf eine kindgerechte Behandlung, Lebensqualität oder gar Menschenrechte hat. Von Zieheltern zu Zieheltern weitergereicht, derer „Erziehung“ in negativ gemeinter Bedeutung ausgeliefert, ohne Bezugsperson, Fürsorge, Liebe oder gar seelische Zuwendung, kommt er mit elf Jahren in eine Erziehungsanstalt. Dort lernt er die Gesetze von Gewalt und Gegengewalt kennen. Immer wieder reißt er aus, gilt mit 18 Jahren schließlich als unerziehbar. Gefängnisse bleiben ihm nicht fremd. Die Gratwanderung vom Bastard, Fürsorgezögling bis zum Kriminellen führt in eine Spirale ohne Schul– oder Lehrabschluss, schließlich Flucht in eine Scheinwelt aus Drogen, Alkohol und Medikamente.

Aufmachung und Einband des Buches zeugen von hoher Aufmerksamkeit, Ernsthaftigkeit, ja respektvollem Umgang mit dem bedrohlich unbequemen Thema, als zolle der Verlag seinem Autor auf diese Art seinen Beitrag menschlicher Rehabilitierung. Der Roman selbst, obwohl Roman, bietet dagegen keine Unterhaltung im Sinne des Genres, etwa glückliche, hoffnungsfrohe oder gar lichte Momente oder ein erleichterndes Ende. Aber das war sicherlich auch nie Absicht des Autors. Er bleibt von der ersten bis zur letzten Seite beklemmend. Eine Analyse, eine bedrückende Studie, eine Erklärung auch gesellschaftlicher Ursache und Wirkung, ja ein Zeugnis von Ausgeliefertsein und Ausweglosigkeit der ersten und prägendsten Lebensjahre, Kindheit genannt. Wer sich aber unter einer schlechten Kindheit etwas vorstellen kann und Österreich, vor allem seine Strukturen inwendig kennt, der wird sich nicht wundern, dass der Autor bis heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen, um eine finanzielle Rehabilitation für einen gewaltfreien Lebensabend und Lebensqualität kämpft.

Franz Josef Stangl war von 1979 bis 2006 Hausarbeiter, Hausbetreuer und Mädchen für Alles im CVJM-Hospiz-Hotel und Studentenheim. Durch Krankheit ist er seither arbeitslos, lebt von Sozialhilfe und kämpft um eine Frühpension, sagt: “Wer einmal bestraft wird, scheint ein lebenslängliches Abo darauf zu haben.“ Er werde selbstverständlich weiterschreiben und sich von nichts und Niemandem in die Knie zwingen lassen.

(Ulrike M. Dierkes, Rezension für die Webseite des M.E.L.I.N.A e.V., 10.09.2008 [?])


http://www.melinaev.de/images/kunde/pdf/Der_Bastard_Rezension.pdf

Köksal Baltaci: Im Heim missbraucht: Gezeichnet fürs Leben

Geschlagen, getreten, ausgepeitscht: Franz Josef Stangl war ein Heimkind. Die grausamen Erfahrungen, die er dort gemacht hat, haben sein ganzes Leben verändert. Jetzt spricht er darüber - schonungslos und offen.

Es gebe Tage, an denen er nicht an seine Zeit im Jugendheim Korneuburg denke, sagt Franz Josef Stangl. „An die Erzieher, die mich geschlagen und getreten haben, bis ich bewusstlos war. Die mich aus purer Willkür mit kaltem Wasser duschen und die ganze Nacht lang nicht schlafen ließen. Aber diese Tage sind selten. Und sie liegen weit auseinander.“

Der 59-jährige gebürtige Steirer kam mit 16 in das Landesjugendheim Korneuburg in Niederösterreich und verbrachte dort zwei Jahre, in denen er der Großpalette an Grausamkeiten ausgesetzt war – ehe er wegen „Aussichtslosigkeit“ als unerziehbar entlassen wurde. „Die Erzieher haben uns auf alle erdenklichen Arten misshandelt“, blickt Stangl zurück. „Sie schlugen mir grundlos mit der Faust ins Gesicht, peitschten mich mit Gürteln aus und traten mit voller Wucht in meine Weichteile.“ An den Quälereien hätten sich so gut wie alle Erzieher beteiligt, nicht zuletzt auch der Direktor des Heims. Der brutalste von allen sei der Erziehungsleiter gewesen. „Er genoss es sichtlich, die Angst in deinen Augen zu sehen, ein Tyrann durch und durch“, erinnert sich Stangl, für den Korneuburg nicht die erste Station seiner Anstaltsaufenthalte war.

Sexuelle Übergriffe
Mit fünf Jahren nahm ihn die Fürsorge seiner mit mehreren Kindern überforderten Mutter weg und gab ihn in die Obhut von Pflegeeltern, mit elf kam er in ein Erziehungsheim in Graz und wurde nach nur einem Monat in eine Caritas-Anstalt für schwer erziehbare Kinder in Gleink in Oberösterreich gesteckt, bis er schließlich mit 16 in Korneuburg landete. Über seine Erfahrungen vor Korneuburg schrieb er zwei autobiografische Romane mit den Titeln „Der Bastard. Der Fürsorgezögling“ und „Der Klosterzögling. Die Jugend des Bastards“. Opfer von sexueller Gewalt sei Stangl nie geworden, wenngleich solche Übergriffe in Korneuburg nicht der Seltenheit angehört hätten. „Ob sich Erzieher an Zöglingen sexuell vergangen haben, kann ich nicht sagen“, so Stangl. „Aber unter den Heiminsassen selbst gab es das ständig. Die Erzieher wussten davon und haben nie etwas dagegen unternommen.“ In der Anstalt habe eine permanente Atmosphäre von Angst und Einschüchterung geherrscht. „Es gab nicht einen Funken Vertrauen zu Erziehern.“ Am härtesten habe es immer die jüngeren und schwächeren Jugendlichen getroffen, berichtet Stangl. „Sie wurden nicht nur vom Heimpersonal malträtiert, sondern waren auch den älteren Insassen hilflos ausgeliefert. Wurden von ihnen ebenfalls verprügelt und mussten sie sexuell befriedigen – mit der Hand oder dem Mund.“ Auch Vergewaltigungen könne er nicht ausschließen, obwohl er nie welche beobachtet habe.

„Aber nicht nur die allgegenwärtige Gewalt hat mir den Heimalltag zur Hölle gemacht“, beklagt Stangl. „Wir mussten den ganzen Tag verpflichtend arbeiten – im Garten oder in den hauseigenen Werkstätten. Als Lohn gab es knapp 30 Schilling (zwei Euro, Anm.)pro Monat.“ Als er schließlich mit 18 entlassen wurde, sei er erneut in einem Heim gelandet – diesmal in einem für Haftentlassene. Dort habe er seine kriminelle Karriere notgedrungen fortgesetzt. „Bereits bei meinen zahlreichen Ausbrüchen aus dem Jugendheim bin ich in Häuser eingebrochen, um nach Essen und Geld zu suchen, habe Fahrräder und Kleidung gestohlen. In der neuen Unterkunft ging diese Kleinkriminalität nahtlos weiter.“ Schließlich sei er alkohol- und drogensüchtig geworden und in die Beschaffungskriminalität geraten. „Das war ein Teufelskreis“, beschreibt Stangl seine damalige Lage. „Für Delikte wie Diebstahl und Körperverletzung habe ich fünf Jahre Haft abgesessen, ehe ich mich 1979 aus diesem Sumpf befreit und ein normales Leben begonnen habe.“

Dieses Leben als Hausmeister in einem Studentenheim dauert bis 2006, ehe Stangl durch eine Krankheit gezwungen wird, seinen Job aufzugeben. „Ich leide an fortgeschrittenem Knochenschwund, meine Wirbel sind eingebrochen, sodass ich nicht mehr arbeiten kann“, sagt Stangl. „Seither versuche ich vergeblich, in Pension zu gehen.“ Die Ärzte vermuteten übrigens einen Zusammenhang zwischen dieser Krankheit und den schweren Misshandlungen bzw. der Mangelernährung als Kind und Jugendlicher. Zu beweisen sei das aber nicht. Ebenso wenig ist nachweisbar, dass der Missbrauch im Kindesalter zu einem Lebenslauf geführt hat, der aus den Bahnen geriet. Obwohl ehemalige Heimkinder sehr oft ihr Leben lang unter den Akten des Missbrauchs leiden.

„Die Erstverantwortung für Kinderschutz liegt immer bei den Eltern“, betont Stangl. „Die meisten Kinder, die in Heimen landen, sind schon psychisch auffällig. Und die, die es nicht sind, werden es während es ihres Heimaufenthalts.“ Stangl plädiert dafür, Erzieher besser auszubilden und diesem Berufsstand mehr Mittel zur Verfügung zu stellen. „Viele Heimmitarbeiter, die ich kenne, beschweren sich über zu wenig Geld und zu wenig Personal.“ Wobei sich die Situation zum Glück schon deutlich verbessert habe. „Erst vor Kurzem habe ich mein ehemaliges Heim in Korneuburg besucht und war sehr angetan von der Betreuung, die Jugendliche dort mittlerweile erfahren. „Das ist kein Vergleich zu früher.“

„Ich kann nichts ausschließen.“
Was die aktuellen Missbrauchsvorwürfe im früheren Kinderheim auf dem Wilhelminenberg und in anderen städtischen Heimen angeht, wünscht sich Stangl eine bundesweite, externe Kommission, die die Anschuldigungen unabhängig unter die Lupe nimmt. Die Aufklärung dürfe nicht der Politik überlassen werden. „Sie hat bereits gezeigt, dass sie nicht genug Charakter und Willen hat, um diese Vorgänge aufzudecken.“ Mit der Bestellung der Kommission unter der Leitung von Barbara Helige, der Präsidentin der Liga für Menschenrechte, sei bereits ein wichtiger Schritt getan worden.

Ob er die Dimension des zuletzt berichteten Missbrauchs auf dem Wilhelminenberg für möglich halte? „Ja, ich halte Vergewaltigungen und systematischen Missbrauch bis hin zu Prostitution absolut für möglich“, so Stangl. „Ich will diese Vorwürfe eigentlich nicht glauben, aber nach all den Erfahrungen, die ich gemacht habe, muss ich bekennen, dass ich nichts mehr für ausgeschlossen halte.“

Stationen im Heim
Mit fünf Jahren wurde Franz Josef Stangl seiner Mutter weggenommen und an Pflegeeltern übergeben.
Mit elf kam er in ein Erziehungsheim in Graz und wurde nach nur einem Monat in eine Caritas-Anstalt für schwer erziehbare Kinder in Gleink in Oberösterreich gesteckt.
Mit 16 landete er schließlich im Landesjugendheim in Korneuburg. In jeder Anstalt wurde er Opfer von Missbrauch.

(Köksal Baltaci, Die Presse, 23.10.2011)


http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/703219/Missbrauch-gezeichnet-furs-Leben

Edith Meinhart: Die Gezeichneten: Auch in staatlichen Heimen wurden Zöglinge missbraucht

Missbrauch, Schläge und Demütigungen gab es nicht nur in katholischen Internaten. Auch in vielen staatlichen Heimen wurden Zöglinge systematisch gebrochen. Jetzt brechen sie erstmals ihr Schweigen.

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Franz Josef Stangl fand lange keine Worte für die Schrecken: Mit fünf Jahren kam er zu einer Pflegemutter, die ihn prügelte, dann zu einer neuen, die ihn auf Scheitln knien ließ. Mit elf landete er im Erziehungsheim Rosenhof in Graz. „Das bist du“, sagte die Fürsorgerin und deutete auf seine Aktenzahl: Ju.II./57/170752. Essen, einseifen, Licht abdrehen, aufstehen – alles funktionierte auf Kommando. Zweierreihe, Marsch zu den Spinden, in den Waschraum, auf den Sportplatz. Als dem kleinen Franzi die Luft ausging, riss er aus. Er wurde bald wieder eingefangen. Zurück im Heim, verprügelte er einen Zögling, der ihn verhöhnt hatte. Zur Strafe schob man ihn in die Erziehungsanstalt Steyr-Gleink ab. Damit hatte man den Buben immer gedroht: „Wenn du nicht folgst, kommst du nach Gleink.“ Dort herrschte hinter dicken Klostermauern ein ehemaliger Kampfflieger, der Priester geworden war. Unter seinem Regime zählte der Einzelne nichts. Franzi bekam die Wäschenummer 71.

Als Stangl mit 18 als „unerziehbar“ entlassen wurde, war er körperlich und seelisch zerstört. Er betäubte sich mit Alkohol, ging einbrechen, kam ins Gefängnis. 1983 machte er einen Entzug. Danach suchten ihn Panikattacken heim. Von den Medikamenten, die seine Dämonen in Schach hielten, wurde er wieder abhängig. In dieser finsteren Phase seines Lebens beschloss er, seiner Geschichte auf den Grund zu gehen. Im Herbst 2008 erschien sein Buch „Der Bastard“, ein authentischer, literarischer Bericht über die ersten elf Jahre seines Lebens.

Franz Josef Stangl sagt, er habe nur die Augen schließen müssen, schon spulte sich seine Kindheit wie ein Kinofilm vor ihm ab. In wenigen Monaten kommt sein zweites Buch auf den Markt. Es handelt von den Jahren in Steyr-Gleink. Auf dem Buchcover wird das einzige Foto sein, das er von sich besitzt. Stangl hat es aus einem Gruppenbild von seiner Erstkommunion herausgeschnitten. Ein Bild von ihm allein hätte zehn Schilling gekostet. „Die bist du nicht wert“, sagten seine Pflegeeltern damals.

Die eigene Geschichte bleibt ein Fragment, wenn sie nicht historisch eingebettet und politisch aufgegriffen wird, sagt Stangl. Er hofft auf eine Plattform ehemaliger Heimkinder auch in Österreich, für die derzeit Sponsoren gesucht werden. „Der Staat darf die Menschen, die unter seiner Obhut zum Krüppel geprügelt wurden, im Alter nicht wieder hängen lassen. Wir wollen Aufklärung, Psychotherapie, Entgegenkommen bei den Sozialversicherungsjahren.“

Stangl ist heute 60, seine Knochen sind brüchig, einige Wirbel eingebrochen, er kann weder lange stehen noch sitzen. Der Amtsarzt attestierte ihm, chronisch krank zu sein. In Pension gehen darf er nicht: „Jetzt macht mich der Staat wieder zur Sau“, sagt Stangl. Viele ehemalige Zöglinge mussten hinter den Anstaltsmauern stupide Zwangsarbeit leisten, ohne einen Schilling Lohn. Bei der Sozialversicherung hatten sie die Heime nicht angemeldet.

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(Edith Meinhart, Profil, 18.3.2010)


http://www.profil.at/home/die-gezeichneten-auch-heimen-zoeglinge-264620