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Kurzbeschreibung

Preisträger Jugendbuch Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2008



[Text]: Inge Fasan. [Ill.]: Linda Wolfsgruber


"Heuer fahren wir ans Meer", verlautbarte mein Vater nach dem Abendessen. "Das Meer ist riesengroß." Ich war sechs Jahre alt und in die Kategorie "riesengroß" fiel für mich allenfalls der Mammutbaum, den ich von Abbildungen in der Beilage des Mickymaus-Heftes kannte. Unzählige Kinder mussten einander an den Händen fassen, um seinen Stamm zu umspannen.

Auf dem Foto war der Himmel durch die Baumkrone kaum zu erkennen. "Eine riesengroße Wasserfläche", ergänzte mein Vater. In meinem Kopf entstand das Bild eines gefällten Mammutbaumes, der im Wasser lag. "Das Ende des Meeres sieht man nicht", sagte meine Mutter. Selbst der Mammutbaum hatte ein Ende, das wusste ich.


Rezensionen
Jens Thiele: Magische Farbe

Blau ist die alles bestimmende Farbe in diesem Buch, vom blassen Türkis über ein kühles Preußischblau bis hin zum kräftigen Ultramarinblau, wie es Yves Klein in seinen monochromen Bildern verwendete - jede Seite führt uns die Magie dieser Farbe vor Augen. Blau als Farbe des Wassers, des Meeres, der Unendlichkeit. Das ist das eigentliche Thema des Buches: das Meer als Bild, als Farbe, als Projektionsfläche.

Ein Erwachsener blickt zurück und erinnert sich an seine Kindheit und Jugend, an ein Leben in der Stadt, weit entfernt vom Meer. Für den Sechsjährigen löst die Ankündigung des Vaters, ans Meer zu fahren, eine Sehnsucht nach »dieser endlosen flimmernden Weite« aus. Die Träume werden im Verlauf der Jahre immer übermächtiger, denn nie kommt es zu der Reise - immer passiert etwas, das eine Fahrt verhindert: Die Mutter bricht sich den Knöchel, der Junge wird operiert, die Eltern kaufen sich einen Fernsehapparat, dann trennen sie sich, schließlich verliebt sich der junge Mann.

Inge Fasan erzählt diese Abfolge der Verhinderungen, die zugleich auch die Biografie des Jungen markieren, lapidar und mit verhaltener Ironie, während sie den Fantasiebildern des Erzählers breiteren Raum gibt. Linda Wolfsgruber illustriert die Geschichte nicht im wörtlichen Sinne, aber ihre changierenden blauen Bilder, die in wechselnden Techniken entstanden sind, treffen genau den Ton des Erzählers. Sie setzen eine eigene Farbspur, begleiten den Text mit eigenen Assoziationen. Auf einer Bildseite entdecken wir eine in tiefes Blau getauchte Schwanzflosse, ein fast abstraktes Bild, das sich, blättert man die Seite um, unvermittelt in eine konkrete Figur, in ein Mädchen verwandelt, an das sich der Erzähler erinnert. Beide Seiten zusammen, Fischschwanz und Menschenkörper, verbinden sich zu einem imaginären Bild, das sich sowohl aus konkreter Erinnerung als auch aus Traummaterial zusammensetzt.

Auf den letzten Seiten des Buches, das sowohl Bilderbuch als auch bebildertes Kinderbuch ist, erfüllt sich der Erzähler schließlich seinen Traum. Ganz allein macht er sich auf den Weg in Richtung Süden, bis er endlich am Meer steht und die Augen öffnet. » Ich sah einen schmalen grünen und einen breiten blaugrauen Streifen. Wo die beiden zusammenstießen, flimmerten die Farben.« Wer das letzte Blatt umschlägt, kann dieses Flimmern fast sinnlich erleben. Ein Mann steht im Wasser, oder genauer, ragt aus dem Blau wie eine Fata Morgana. So endet das Buch mit jener Sehunschärfe, die es von der ersten Seite an so faszinierend macht.

(Jens Thiele, Rezension in: Die Zeit, 25/2007)


http://www.zeit.de/2007/25/Magische_Farbe

Caroline Roeder: Blaues Wunder

Wie groß ist „riesengroß“ mit sechs Jahren? Größer als der Mammutbaum aus dem Mickeymaus-Heft? Ohne Ende, meint die Mutter! Ohne Ende ist zweifelsohne riesengrößer als der Mammutbaum. Und zu diesem Wunder soll die diesjährige Ferienreise gehen – was für grandiose Aussichten. Doch, das Meer ist und bleibt in dieser Geschichte vorerst unerreichbar und an den Horizont verbannt. Erst bricht sich die Mutter den Knöchel und so fällt die geplante Fahrt ins Wasser, dann kuriert der kindliche Erzähler im folgenden Jahr eine Blinddarmoperation aus; danach fehlt es an Geld für den Urlaub, anschließend trennen sich die Eltern und – unversehens ist der Junge herangewachsen. Vorerst zieht es ihn nicht zum Meer, denn verlockender erscheint ihm die Liebe und das Mädchen Monika. Und auch wenn man bereits ahnt, dass dies nicht die richtige Entscheidung (für die Liebe und gegen das Meer) war, so passt doch auch dieser Part der Erzählung bestechend genau in die tragikomische Kette an dauerhaften Meer-Blick-Verhinderungen. Doch glücklicherweise endet diese Geschichte des unerfüllten Glücks dann noch glücklich. Auf ihren letzten Seiten führ sie ans Meer. Dorthin reist der inzwischen zum Erwachsenen Herangewachsene; als er es sieht denkt er: „Das Meer ist riesengroß!“

Die österreichische Autorin Inge Fasan erzählt ihre kleine Geschichte fast sachlich und mit lakonischem Witz. Mit Riesen-Schritten durchmisst sie dabei einen Lebensweg, die verpassten Meeresblicke dienen ihr als Stationen. Ihr gelingt eine Kindheits-Geschichte zu entwerfen, die wie auf eine Perlschnur aufgezogen ist, und tiefgründige Fragen beinhaltet: Nach Sehnsucht und Sehnsüchten, nach Lebenswünschen und unerfüllten Träumen.

Linda Wolfsgruber hat für diesen klug konzipierten Weg wunderbare Bilder entworfen. Sie sind alle blau – blau wie das Meer, blau wie die romantisch-blaue Blume, blau wie die Sehnsucht. Mal doppelseitig, mal über die Seiten laufend (besonders schön das Landmädchen Monika, die anspielungsreich aus einem Meerjungfrauenschwanz entspringt), mal als blaupapierener Hintergrund. Wolfgrubers Illustrationen sind einfach und bestechend schön. Die Künstlerin schafft luzide, transparente Traumbilder, surreale kleine Inszenierungen und Szenarios, die alle ins – ja schon wieder – Blaue reichen, aus dem Blau hervortauchen, mit dem Blau davon treiben. In diese Bildwelten zieht es einen hinein; man segelt beim Betrachten über die Seiten und leise durch die Szenen. Der Horizont, der Meer und Himmel als feine Linie trennt, ist bei der Seitengestaltung immer mit aufgenommen. Mal stehen sich Text und Bild gegenüber, mal nehmen die Bilder den Schnitt zwischen den Elementen auf. So gelingt es, Text und Bild zu konfrontieren und zu verschmelzen. Markiert werden zarte Übergänge, vom Kindsein zum Erwachsenwerden, von Träumen zum Reisen, von Himmel und Wasser. Das Blau dient dabei als poetischer Maßstab, als ästhetische Recheneinheit. Und man lernt: Das Maß für riesengroß ist Blau.

(Caroline Roeder, Rezension in: 1000 und 1 Buch, 1/2008 [?])


http://www.jugendliteratur.net/buchdesmonats/buchdesmonats_2007_3.html

Claudia Theiner: Das Blau und das Meer

Bis sich der Wunsch, das Meer zu sehen, erfüllt, vergehen die Jahre der Kindheit, und der Junge zieht sich auf seinen Fantasieozean zurück. Dem Blau der Bilder sind Sehnsucht und Beharrlichkeit eingeschrieben, nicht die schlechte Laune darüber, dass das Erlebnis Meer immer wieder aufgeschoben wird. Ingrid Fasans Geschichte setzt die Südtiroler Künstlerin Linda Wolfsgruber in weiträumigen Illustrationen um. Die Sehnsucht macht sie mithilfe von leiser Metaphorik greifbar, dem Geleise des Nachtzuges, halb Mensch, halb Fisch. Stilisierte Figuren vor kräftigem Blau, eingeschobene Farbflächen, Schattierungen und Typografie-Variationen erzeugen die charakteristische Schwingung des Buches.

"Das Meer ist riesengroß" wurde vor Kurzem mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendliteraturpreis 2008 ausgezeichnet.

(Claudia Theiner, Rezension in: ff. Das Südtiroler Wochenmagazin, 29. Mai 2008)


Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur:

Verschwommen im Meer, getrieben von den Wellen des Schicksals zwischen Kindheit, Jugend und dem Erwachsenwerden. Der im Alter von sechs Jahren ausgesprochene Wunsch, das Meer zu sehen, zieht sich über knapp ein Jahrzehnt bis zu seiner Erfüllung. Dazwischen liegen Irrfahrten und Ablenkungen, verursacht durch Krankheiten, eine Scheidung oder die erste Liebe. Das Meer in seiner unfassbaren Größe erstreckt sich in der Inhalts-, Text- und Bildgestaltung als Metapher für die Vielschichtigkeit des Lebens.

Linda Wolfsgrubers ausschließlich in blauen Farbtönen gehaltene Illustrationen scheinen zwischen stark zurück genommenen Objekten und breiten Farbflächen zu verfließen. Sie erzeugen das Gefühl einer langsamen, aber stetig treibenden Bewegung, die sich im Text widerspiegelt. Ein auf allen künstlerischen Ebenen anspruchsvoll gestaltetes Bilderbuch über das Treiben zwischen den Wellen des Lebens.

(Rezension für: STUBE. Studien- und Beratungsstelle für Kinder- Jugendliteratur, [?])


http://www.biblio.at/rezonline/ajax.php?action=rezension&medid=47448&rezid=27953