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Kurzbeschreibung

Liebe Lore,

du hast etwas Schreckliches angestellt, und du weißt es gar nicht. Erinnerst du dich noch, wie du vor Weihnachten 1913 mich mit Mutter vom Bahnhofin Altona abholtest? Weißt du noch, was du da gewünscht hast, als ich Dich fragte, was du dir zu Weihnachten bestellt hättest, Du sagtest: »Ich habe mir ein selbst geschriebenes Märchenbuch von Ihnen bestellt.« - »Ja,« sagte deine liebe Mutter, »Lore hat sich ausgedacht, von Ihnen ein eigens für sie geschriebenes Märchenbuch zu bekommen.« Ich fand das ein bisschen viel. Aber weil ich Besuchsonkel war, und weil du so schöne braune, wilde Locken hast, und weil und weil und weil ich deine lieben Eltern so gern habe wie du, sagte ich: »Ja, Lore soll das Märchenbuch bekommen.« Du freutest dich und sagtest, als ich abreiste, mit deinen lustigen Augen, die mich süß und dunkel wie zwei Stückchen Schokolade ansahen:
»Vergiss mein Märchenbuch nicht!«

Es war leichtsinnig von mir, einem kleinen hartnäckigen Mädchen, wie du bist, ein ganzes dickes Märchenbuch so schnell zu versprechen. Denn ich wusste Ja gar nicht, wo ich Märchen herholen sollte. Nun sitze ich in der Patsche, und es ist nun das dritte Weihnachtsfest, dass du auf dein Märchenbuch wartest, und ich armer Mann habe deines Märchenbuches wegen Heimat, Frau und Haus verlassen und habe ein Schiff genommen und bin drei Jahre lang draußen in Asien, in Indien gereist, dort, wo ganze Menschen wie aus Schokolade herumlaufen, und wo sie nicht nur Schokoladeaugen haben. Jeden Kaufmann habe ich gefragt hier draußen: »Sagen Sie mal, wo kauft man denn für Lore hier in Indien die Märchen, die berühmten? Es ist da ein kleines Mädchen mit wilden Locken in Altona zu Hause, dem hab' ich törichterweise ein ganzes Märchenbuch versprochen. Wo bezieht man denn die? Allein deshalb bin ich doch mit dem großen Schiff, das so viele Wochen lang zwischen Wasser und Himmel auf und ab schaukelte, hierher zu den Schokoladeleuten gereist, um der kleinen braunen Lore, Märchen, frische, gut ausgewachsene, aus den Palmenwäldern zu holen.« »Ach was,« knurrten die Kaufleure, »Gummi von den Gummibäumen, Kakao vom Kakaobaum, Reis von den Reisähren, Bananen, Ananas und Zucker vom Zuckerrohr können Sie hier haben. Aber Märchen haben wir nicht auf Lager. Denn jetzt gibt es Eisenbahnen hier draußen, so wie zu Hause um Altona herum, und wo es Eisenbahnen gibt, da gibt es keine Märchen mehr. In der Kohlenluft und beim lauten Lärm der Räder und bei dem ewigen eiligen Wind, den die Bahnzüge machen, wachsen die Märchen nicht mehr gut. Und deshalb bekommt man sie nicht mehr. Sie kommen zu schlecht fort.«

»Aber,« sagte ich erschrocken, »ich bin doch nun auf dem Schiff, das mit den beiden großen Schornsteinen so viel rauchte, so weit gereist. Ich muss Märchen heimbringen.« – »Ja,« sagte da ein Kaufmann nachdenklich und Strich sein glatt rasiertes Kinn, »reisen Sie mal ins Menschen-fresserland da hinten!« Und er schlug in die Luft, dorthin, wo die Sonne morgens aufgeht.

»Ach, Gott, soll ich noch Weiterreisen!« seufzte ich müde und trocknete mir den Schweiß von der Stirn. Denn im Javanerland war es schon so heiß wie zu Hause im Badezimmer, wenn heißes Wasser aus der Wanne dampft und die Sonne am Fenster brennt und der Badeofen außerdem noch dick heiß ist.

»Ja,« meinte der glattrasierte Kaufmann, »wenn man kleinen deutschen Mädchen etwas versprochen hat, muss man es auch halten. Und wenn man es gar noch zur Zeit des Weihnachtsfestes versprochen hat, dann geht es einem ganz schlecht, wenn man es nicht hält.«

»Du lieber Gott,« seufzte ich, »so muss ich also ins Menschenfresserland reisen und der Lore dort Märchen holen!« »Aber wissen Sie auch gewiss, dass es dort Märchen gibt?«

»Nee ,« gähnte der Kaufmann, den mein unvorteilhaftes Märchenverlangen langweilte, »nee, gewiss ist nur der Tod. Aber da es im Menschenfresserlande keine einzige Eisenbahn gibt, so werden wohl noch Märchen da sein!« Ich dankte und reiste also nach dem Lande der Menschenfresser …