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Kurzbeschreibung

Wilhelm Meissel. Ill. von Helga Lauth


Märchen haben für den afrikanischen Menschen eine besondere Bedeutung, denn sie sind mehr als bloße Unterhaltung. Sie beinhalten seine komplette Identität. Der Märchenerzähler, eine geachtete Person innerhalb des Dorfes, des Stammes, des Volkes, ist auch der Lehrer der Kinder und der Erwachsenen. Abends am Feuer, wenn die Menschen nach getaner Arbeit zusammenkommen, um den Märchen und Mythen zu lauschen, ist das mehr als ein bloßer Zeitvertreib.


Das Kind aus dem Wald bei Limbobo

Bei dem Dorf Limbobo gibt es einen undurchdringlichen Wald. Die Einwohner von Limbobo nennen ihn daher Limbobowald. Dieser Limbobowald ist heilig, weil unter seinen Bäumen und dem Dickicht die Häuptlinge begraben wurden, die einst das Land regiert hatten.

Wehe den Menschen, die in diesem Wald Brennholz sammeln, einen Baum fällen oder von den Früchten essen, die dort wachsen! Das würde die Götter erzürnen, denn alles gehört dort den Toten. Niemand, außer der Priester Mutanmeli wa Ntimu, der selbst ein Nachkomme der Götter ist, wie die Leute sagen, darf den heiligen Ort betreten. Von Zeit zu Zeit geht Mutanmeli in den heiligen Wald, um den Ahnen ein Opfer zu bringen.

Eine Frau, die vor langer Zeit am Rande des Waldes entlanggegangen war, pflückte gedankenlos eine Handvoll Nüsse von einem tief herabhängenden Ast. Als sie die Nüsse gegessen hatte, fiel sie zu Boden und war tot. Die Götter hatten sie verurteilt, denn es ist schändlich, in der Gegenwart der Toten zu essen, auch von jenen Früchten, die am Rande des Waldes wachsen. Kein Mensch darf die Grenze des heiligen Bezirkes überschreiten, und wäre es nur um einen Fußbreit.

Als jüngst eine Frau an einem regnerischen und stürmischen Tag nach einer langen Reise am Limbobowald vorbeikam, war sie sehr hungrig. Da sah sie ein kleines Kind auf einem Baum sitzen und Beeren essen. Das erweckte in der müden Frau eine heftige Lust, ihren Hunger zu stillen, und sie vergaß, daß man die Grenze des Waldes nicht überschreiten durfte.

»Kleiner, gib mir auch einige Beeren«, sagte die Frau zu dem Kind.

Doch das Kind starrte sie an und sagte kein einziges Wort und gab ihr keine einzige Beere. Da pflückte die Frau selbst einige Beeren. Sie schlang die Früchte heißhungrig in sich hinein, und als sie den schlimmsten Hunger gestillt hatte, ging sie weiter. Einmal blickte sie sich noch um und bemerkte, daß das Kind sie immer noch anstarrte.

»Wie lange willst du Beeren pflücken in diesem kalten Regen?« fragte die Frau. »Wo ist denn deine Mutter?« Aber das Kind antwortete nicht.

»Komm«, sagte die mitleidsvolle Frau und kehrte zurück, »ich werde dich nach Hause tragen.«

Sie hob das Kind vom Ast, wickelte es in ihr Tuch und hängte es auf ihren Rücken. Dann eilte sie nach Hause. Als sie in der Gemeinschafshütte ihrer Sippe war, verlangte sie nach Brennholz, um das glosende Feuer neu anzufachen. »Das ist für den Kleinen da«, sagte sie, »er ist ganz naß. Ich habe ihn auf der Straße gefunden. Er saß auf einem Baum und hat Beeren gegessen.«

Sie knüpfte ihr Tuch auf und wollte das Kind auf ihre Hüfte ziehen, aber das Kind klammerte sich fest an ihren Rücken.

»Setz den Kleinen auf den Boden, da kann er sich beim Feuer selber wärmen«, sagte die alte Mutter.

Doch das Kind hing wie eine Klette fest und bewegte sich nicht.

»Geh herunter!« befahlen die Leute, die zum Feuer kamen, um sich zu wärmen.

Aber alles Zureden half nichts, das Kind rührte keinen Arm und kein Bein, sondern starrte mit seinen großen Augen die Verwandten der jungen Frau der Reihe nach an. Da dämmerte in den Köpfen der älteren Leute ein fürchterlicher Gedanke.

»Bist du am Limbobowald vorbeigekommen?«