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Kurzbeschreibung

»Franken müssen schreiben«

Franken funkelt. Fast könnte es blenden, so dass man, um die Orientierung nicht zu verlieren, den Atlas zur Hand nimmt. Rasch bleibt der Blick an den schillernden Worten »Aura im Sinngrund« hängen: ein geografisches Philosophem nahe Obersinn, Burgsinn und Mittelsinn an der Sinn. Was wie ein Buchtitel klingt oder eine poetische Rückung, ist doch nur eine Flurnamen-Laune des Landes, in das schon Viktor von Scheffel zur schönen Sommerszeit fahren wollte. Neben so tief Gründendem ist Burleskes der Herzgegend Deutschlands eingeschrieben, beispielsweise die fränkische Urogenitalstrecke, die von Seigen- und Strullendorf über Unter- und Oberharnsbach bis nach Mönchsambach, vielleicht gar bis Blasenberg und Rohrbrunn sich erstreckt. Kein Wunder, dass in Peter Rühmkorfs genialer Topografiepoesie »Mit den Jahren… Selbst III/88« viel Fränkisches vorkommt (wobei er Busendorf und Löffelsterz nicht einmal aufnahm). Genügen Lyrismen der Geografie, um von einer literarischen Landschaft zu sprechen, gar von einer Literaturlandschaft (was nebenbei bemerkt etwas ganz anderes wäre)? Ein Indiz sind sie jedenfalls genauso wie die Titel von Werken, welche belegen, wie fruchtbar der hiesige Boden – außer für Wallfahrtsstätten, Plastiklaster, Kugellager und Knoblauch – für Schriftstellereierzeugnisse ist: »Die Zwillinge von Nürnberg«, »Das Ochsenfurter Männerquartett«, »Die Juden von Zirndorf«, die »Bamberger Halsgerichtsordnung« (ein Meilenstein auf dem Weg zur Rechtssicherheit in Europa). Sicherheit in der Frage, ob Literatur über eine Landschaft sie in die Reiche der Poesie erhebt, lässt sich mit dieser beliebig erweiterbaren Werkaufzählung jedoch nicht erlangen. Anderes weist noch darauf hin, wie buchenswert und buchreich die Region zwischen Fichtelgebirge, Rhön und Fränkischer Seenlandschaft ist. Neun Jahrhunderte vor dem Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher lernte man in der Michaelsberger Schreibschule im Benediktinerkloster oberhalb von Bamberg. In Wolframs-Eschenbach soll der Verfasser des »Parzival« geboren worden sein, in Würzburg das Grab Walthers von der Vogelweide liegen. Mühlen baute man im wasserfrohen Franken früh; nicht nur die für die Gruppe 47 sagenhaft sch mähliche »Pulvermühle«, sondern auch die erste Papiermühle nördlich der Alpen in Nürnberg, die seit 1390 Grundstoffe für Kontore, Kanzleien, Kanzeln und Künstler des Wortes wie der Farben produzierte. Wer Inkunabeln sammelt, besitzt viele Exemplare aus fränkischen Druckorten. Der »Pegnesische Blumenorden«, allen voran Sigmund Birken, Johann Klaj und Philipp »der-Nürnberger-Trichter« Harsdörffer, dichtete an den Auen der Pegnitz. Kaspar Hauser erblickte das Licht der Öffentlichkeit in Nürnberg, wurde ermordet in Ansbach, zu Füßen des Dichterdenkmals von Johann Peter Uz: ein unerschöpflicher Stoff für alle Künste. Aber reicht das schon aus, eine Literaturlandschaft zu charakterisieren? Wie statthaft, sinnvoll, ergiebig ist es überhaupt, zwischen dem Geistigen und dem Erdschweren Verbindungen zu suchen?

Es glaubt schließlich niemand mehr, dass die Dichter – einmal der heimischen Scholle entwachsen – mit ihr verwachsen zu sein nie aufhören, und obwohl Blut ein guter Dünger bleibt, ist der Boden doch nur ein Nebenelement im Werden eines Schriftstellers. Das sah einer der berühmtesten fränkischen Autoren ganz anders. Jakob Wassermann, der sogar, weil er von ihrer Bedeutung so überzeugt war, ein Landschaftstagebuch führte, setzte leidenschaftlich, ohne Scheu vor mythischen und pathetischen Worten, in seinem Essay »Meine Landschaft, äußere und innere« der fränkischen Heimat ein Denkmal und fand dabei bemerkenswerte Argumente dafür, sein Augenmerk auf die Umgebung, in der ein Dichter aufwächst, zu richten. »In der Tat ist es ja so, daß jede Landschaft, die uns in irgendeiner Weise zum Schicksal wird, einen ganz bestimmten Rhythmus in uns erzeugt, einen Gefühlsrhythmus und einen Denkrhythmus, meistens ganz unbewußt, daher umso entscheidender. Man müßte soweit kommen können, daß man aus dem Tonfall der Prosa eines Dichters die Landschaft erkennt, die in ihr verborgen ist wie der Keim in der Frucht.« Das erscheint – selbst bei Wassermann oder bei Leonhard Frank, dessen Würzburger Heimat sein Werk prägt, – als ein unrealistisches Ziel, nicht einmal erstrebenswert. Was hülfe es schließlich, aus der Themenfülle des kosmopolitischen Hermann Kesten Nürnberger Töne zu isolieren oder zu versuchen, Ernst Penzoldt auf Erlangen zurückzuführen? So simpel meinte es Wassermann denn auch nicht, vielmehr ging es ihm um Sensibilität für Herkunft und Umgebung. Und tatsächlich: Wer Ohren hat zu hören, hört den kuriosen, den tragischen und den poetischen Klang einer Landschaft. Im Fränkischen nun tut sich ein Hallraum auf, dessen Größe verglichen mit den Weiten russischer Steppe bescheiden wirkt, doch darauf kommt es nicht an. So weiß, wer die winzige Paderborner Bartholomäus-Kapelle je betreten, wie dort ein Ton wie von selbst an Fülle gewinnt, wie er getragen wird von einem harmonischen, schlichten Baukörper, wie er gerade im Kleinen betörende Macht entwickelt. Winzig, nein, das ist Franken nicht, aber doch klein, zumal es in sich so reich gegliedert ist, von Fischteichen, Flüssen, Bächen derart bewässert, dass innerhalb weniger Kilometer immer wieder neu lebendige Quellen anzutreffen sind. Ein Murmeln, ein Plaudern und Schwatzen hebt an in den Wassern. Wie sollten sensible Menschen sich nicht anstecken und ihre Worte miteinfließen lassen! Main, Regnitz, Pegnitz, Saale, Naab, Altmühl und seit einiger Zeit der Main-Donau-Kanal durchziehen Bierland, Weinland, Mittelgebirge, Getreideebenen, Wälder, Städte, von denen nur Nürnberg – das mit Fürth und Erlangen fast schon eine Einheit bildet – Großstädtisches kennt. Andere Ortsnamen weisen unverkennbar auf die Slawen hin, die hier wohnten, ehe die Franken kamen. Siedler zogen in die menschenarme Gegend, rodeten die Wälder und gründeten ein -reuth nach dem anderen: Altenreuth und Neuenreuth, Bayreuth und Entchenreuth. Mit diesen Inseln im Waldmeer begann schon das Kleinräumige ein bestimmendes Element Frankens zu werden. Juden lebten hier bald, nicht allein in Nürnberg, der gar nicht so heimlichen Hauptstadt des mittelalterlichen Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, daneben auch in den kleineren Residenzen wie Coburg, Kronach, Forchheim, Bamberg, Würzburg, Schweinfurt, Kulmbach, Ansbach, am wenigsten behelligt in Fürth. Nur hier in Franken fanden Juden nach den großen Vertreibungen um 1500 für eine längere Zeit Aufnahme in den kleinsten Städten, in den Dörfern, wo sich ein Landjudentum bildete, das bis in die Zeit der Nationalsozialisten Bestand hatte. In Altenkunstadt etwa stellten sie die Hälfte der Bevölkerung. Stolz konnte der »Deutsche und Jude« Jakob Wassermann darauf hinweisen, dass seine Vorfahren seit vielen Jahrhunderten in Franken lebten, was keiner seiner antisemitischen Kritiker, unter die der Haupthetzer Julius Streicher in Nürnberg gehörte, von sich behaupten konnte.