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Kurzbeschreibung

28. Österreichischer Bibliothekartag 2004 ; Tagungsband
Hrsg. von Christian Enichlmayr in Zsarb. mit d. Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen u. Bibliothekare (VÖB)


Obwohl mir als Bildungs-, Wissenssoziologen und Kulturforscher Bibliotheken als geradezu ideal-typische Verbindung von Bildung, Kultur und Wissenschaft nicht nur als Nutzer unverzichtbar sind, sondern auch als Wissenschaftler ein unmittelbares Forschungsthema sein sollten, habe ich erst anlässlich dieser Einladung angefangen, mir systematisch über die Institution Bibliothek und ihre Funktionen Gedanken zu machen. Dass es heute Bibliotheken als öffentlich finanzierte Einrichtungen gibt, die Wissen speichern und dokumentieren, in Büchern und auf anderen Informationsträgern verfügbar halten, dieses Wissen durch Katalogisierung und Systematisierung in einem ersten – und angesichts der Informationsflut immer wichtigeren – Schritt erschließen und durch Vernetzung der eigenen Wissensbestände mit dem anderer Bibliotheken und Wissensspeicher weiterentwickeln helfen, ist für uns eine Selbstverständlichkeit geworden, über die außerhalb der Bibliotheken selbst viel zu wenig nachgedacht wird. Ich habe bei meinen Recherchen auch kaum aktuelle Überlegungen außerhalb der Bibliothekswissenschaften selbst gefunden, die sich mit der sozialen Gestalt, Funktion und Entwicklung von Bibliotheken aus der Perspektive anderer Sozial- und Kulturwissenschaften beschäftigen. Bibliotheken sind für uns vorhanden, selbstverständlich wie die Schule, die Müllabfuhr und die Eisenbahn.

In diesem Sinne ist das gewählte Motto Ihrer Veranstaltung „Bibliotheken – Fundament der Bildung" ein Rufzeichen nach außen, sich diese Selbstverständlichkeit wieder ins Bewusstsein zu rufen, und ein fundierter Appell an die Kultur- und Bildungspolitik, die dafür notwendigen Mittel bereitzustellen und für die Bewältigung der Aufgaben in der Zukunft nicht nur nicht zu kürzen, sondern vielmehr zielgerichtet auszuweiten.

Wenn dieser politische Wille zur Bestandserhaltung und Zukunftssicherung der Bibliotheken nicht oder zu spät vorhanden ist, sind nicht nur Fundamente der Bildung, sondern des kulturellen Erbes in Frage gestellt – eine Gefahr, die nur allzu rasch von einer Bedrohung zur realen Katastrophe werden kann. Ich lese Ihnen jetzt in diesem Zusammenhang ein Zitat zur Zukunft einer bekannten Bibliothek vor:

„Die Bibliothek versucht ihr Selbstverständnis als Forschungsbibliothek durch das Dienstleistungskonzept zu realisieren. Es sieht folgende neue Elemente für die Vor-Ort-Benutzung vor:
- 180 komfortabel ausgestattete Leseplätze statt bisher 30,
- drastische Erweiterung der Öffnungszeiten (bis 21 Uhr),
- systematische Freihandaurstellung eines beträchtlichen Teils des Bestandes,
- Reduzierung der Bereitstellungsfrist des magazinierten historischen Buchbestandes von 24 Stunden auf 15 Minuten,
- Präsenzhaltung der wichtigsten Forschungsliteratur,
- Angebot einer Fotothek und Mediothek,
- behindertengerechte Arbeitsplätze, Barrierefreiheit des Gebäudes,
- Veranstaltungsflächen und Gruppenarbeitsraum.

Für die Bibliothek geht mit der Errichtung des neuen Studienzentrums und der anschließenden Restaurierung ihres Stammgebäudes ein unhaltbarer Zustand seinem Ende entgegen. Sie erhält in den nächsten Jahren die bauliche Ausformung, die für eine Forschungsbibliothek des 21. Jahrhunderts angemessen ist."
Warum zitiere ich dieses Konzept, das den heutigen „state-of-the-art" für benutzergerechte Bibliotheken zusammenfasst und als Grundlage für die Erfüllung gerade auch der Bildungsaufgaben einer Bibliothek vor Ort anzusehen wäre? Es wurde 2003 in der Fachzeitschrift „Bibliothek" veröffentlicht und stammt von Michael Knoche, dem Direktor der Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Dieser Teil des Weimarer Weltkulturerbes, eines der wichtigsten Denkmäler der deutschen Geistes- und Kulturgeschichte, ist unlängst Opfer eines verheerenden Brandes geworden. Maßnahmen zur Verbesserung des baulichen und organisatorischen Zustandes der Bibliothek, nicht zuletzt zur Verbesserung des Brandschutzes waren von Knoche mehr als 13 Jahre immer wieder gefordert worden und letztlich auch 2001 genehmigt – um wenige Wochen zu spät, wie sich zeigte. In fünf Wochen wären die kostbaren historischen Bücherbestände in den neuen Tiefspeicher, der als erste Sanierungsmaßnahme knapp vor der Fertigstellung stand, übersiedelt.

Weimar investierte 500 Millionen Mark in den Status einer Kulturhauptstadt, renovierte das Schloss, veranstaltete Feuerwerke und manch anderes Kulturspektakel, duplizierte als Kunstgag um sieben Millionen Mark das Gartenhaus Goethes. Die Sanierung der Bibliothek Fürstin Anna Amalias, die einst Goethe als Bibliothekar und Erzieher ihrer Kinder nach Weimar holte, wäre wohl zumindest hinsichtlich des Brandschutzes schon um jene Summe möglich gewesen, die allein die Eröffnungsveranstaltung des Kulturhauptstadtjahres in Weimar gekostet hat. Man entschied sich jedoch, die Sanierung der Bibliothek auf später zu verschieben…