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Kurzbeschreibung

Enzyklopädie des Wiener Wissens : Porträts ; 2


Franz Hebenstreits wichtigste, 1792 verfasste Arbeit war sein sozialistisches, historisches, humanistisches Traktat "Der Mensch unter Menschen", wo es heißt: "Die Sprache war lauter, es gab keinen Kerker, keine Majestät. Keinen Befehl gab es und keine Demutshaltung. Keiner galt mehr, keine Unterscheidung auf Grund der Geburt. Man kannte keine Verletzung und keine Zwietracht."

Es ist bezeichnend, dass Franz Hebenstreits gedichtete Revolution nicht in den Bibliotheken und im Bewusstsein politisch denkender Menschen weiter-, überlebte, sondern ausschließlich in seinen Prozessakten und erst viele Generationen später wiederentdeckt wurde.

Das vorliegende Buch geht nach enzyklopädischem Muster von Franz Hebenstreit aus, und dieser Ausgang soll als Ausgang haben, dass Franz Hebenstreit, seine MitstreiterInnen, aber auch deren WidersacherInnen und Henker wieder Menschen unter Menschen, Subjekte der Erinnerung werden.


Rezensionen
Erich Witzmann: Die Jakobiner von Österreich

"Solange der Österreicher noch braun's Bier und Würstel hat, revoltiert er nicht.“

Diese Aussage, die Ludwig van Beethoven im Sommer 1794 aus Wien seinem Verleger in Bonn schreibt, mag manchen geradezu zeitlos erscheinen. Beethoven freilich war damals gerade Zeitzeuge dieses österreichischen, – in seinem Fall – Wiener Charakterzuges geworden. Das Fanal der französischen Revolution bewegte die breiten Massen nicht, man sah nicht die demokratischen Tendenzen, sondern nur einen Anschlag auf die europäischen Monarchien. Im Juli des Jahres stürmte die Polizei in Wien und Buda (Budapest) die Wohnungen freisinniger Personen, die als „Jakobiner“ gebrandmarkt wurden. Sie hätten einen gefährlichen Umsturz vorbereitet, lautete die amtliche Sprachregelung – und die Bevölkerung nahm diese Version für bare Münze.

Alexander Emanuely liefert dazu ein aus 19 Puzzles bestehendes Bild, das er nun druckfrisch unter dem Titel „Ausgang: Franz Hebenstreit (1747–1795)“ fasst. Der Autor handelt die Lebenswege von 15 Personen sowie die Intentionen von vier Institutionen ab, die gemeinsam das Geschick der Wiener Jakobiner wiedergeben. Sicher wäre jeder Einzelne – Titelgeber Hebenstreit, die eigentliche Mittelpunktperson Andreas Riedel oder der Magistratsbeamte Martin Joseph Prandstätter – eine eigene Abhandlung wert. Aber dann käme wohl das Gesamtbild dieser demokratischen Szene zu kurz.

Über Hebenstreit wird im Geschichtsunterricht der höheren Schulen kaum ein Wort verloren, die Wiener Jakobiner kommen – wenn überhaupt – äußerst schlecht weg (zumindest im Unterricht des Autors dieser Zeilen). Danton, Robespierre, die Koalitionskriege und schließlich Napoleon – für demokratische Strömungen im Österreich dieser Zeit war (und ist) in der Schule keine Zeit.

Der Einblick, den Emanuely nun liefert, zeigt beide Seiten: Da gibt es in demokratischen Zirkeln, Logen und Salons eifrig diskutierende Menschen, die von den Gedanken der französischen Revolution angetan sich vehement gegen einen Krieg mit Frankreich aussprechen. Auf der anderen Seite zieht der junge Regent Franz II. (später als österreichischer Kaiser Franz I.) die Zügeln an, mit einem restriktiven Polizei- und Spitzelwesen unterdrückt er jede demokratische Regung. Die „Krise der barocken Stadt“ (so der Historiker Walter Sauer) prägte das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts, die Städte wuchsen rasant, die Frühindustrialisierung und starke Zuwanderung schufen labile Zustände.

Das eigene Spiel der Spitzel
Die Gesellschaft ist gespalten. Von den Handwerkern, die etwa im Altlerchenfelder Bierhaus „Zum Rauchfangkehrer“ von der Revolution schwärmen, gibt es keine Verbindung zu den intellektuellen Kreisen. Damit hat die Polizei, die in alle bekannt gewordenen Kreise ihre Spitzeln eingeschleust hat, leichtes Spiel. Die Spitzeln wollten ihrerseits ihre Rechtfertigung beweisen und übertrieben das Gesehene und Gehörte maßlos. So lautete schließlich auch die Anklage gegen die verhafteten Jakobiner auf Staats- und Landesverrat.

Die Folgen waren geradezu drakonisch. Die Verurteilten wurden mitten in der Stadt an den Pranger gestellt, sie wurden zu schweren Kerkerstrafen, einige wenige zum Tode verurteilt. Die Menge geiferte und brüllte, sie schmähte die blassen vorgeführten Gestalten, die schwer gefesselt zur Schaustellung auf die Schandbühne am Hohen Markt geführt wurden. Jene, die sich tatsächlich angewidert abwandten, blieben stumm.

Zwei Wiener Angeklagte, die dem Militärstand angehörten, wurden zum Tode verurteilt, sieben weitere in Ungarn. Die Hinrichtung von Franz Hebenstreit vor dem Schottentor gestaltete sich zu einem Volksfest der schaulustigen Menge. Da sich Kajetan Gilowsky knapp vor dem Todesurteil in der Zelle das Leben genommen hatte, wurde kurzerhand sein Leichnam beim Stubentor an einem Galgen aufgehängt.

„Fort zur Guillotine“
Die zeitgenössischen Berichte, die Alexander Emanuely über die Prangerszenen und die Todesurteile liefert, gehören zu den eindrucksvollsten Passagen des vorliegenden Buches. Wie der Autor überhaupt intensive Einblicke in das Leben der freisinnigen Salons und Zirkel sowie in die Elaborate der Wiener Jakobiner (die sich selbst nie so bezeichnet haben) liefert. Die Seite des Herrscherhauses, also Franz II. und seiner Umgebung, bleibt hingegen ausgeblendet. Haben sich die Machthabenden tatsächlich durch die Schriften und Streitlieder („Drum fort mit ihm zur Guillotin/Denn Blut für Blut muß fließen,/Hätt man nur a so a Maschin,/Müsst's mancher Großkopf büßen“ in Hebenstreits Eipeldauerlied) bedroht gefühlt? Oder war der Kaiser vom Schicksal der französischen Bourbonen traumatisiert? Die Tür für weitere historische Forschung steht da noch offen.

(Erich Witzmann, Rezension in: Die Presse, 28.06.2010)


http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/forumbildung/577139/Die-Jakobiner-von-Osterreich

Ernst Wangermann:

Im Juni 2010 versuchte der Historiker und Wissenschaftsreferent der Stadt Wien, Professor Hubert Christian Ehalt, im Rahmen der „Wiener Vorlesungen“ im Wiener Rathaus eine gesetzliche Revision jenes militärgerichtlichen Prozesses von 1794 zu inszenieren, der mit der Verurteilung des österreichischen Platzoberleutnants Franz Hebenstreit zum Tod durch den Strang wegen Hochverrats und beabsichtigten revolutionären Umsturzes endete. Hebenstreit wurde am 8. Jänner 1795 vor dem Schottentor in Anwesenheit einer großen Menschenmenge hingerichtet. Was mit dem Leichnam geschah, ist nicht bekannt, auf ungeklärte Weise kam Hebenstreits Kopf irgendwann in das Wiener Kriminalmuseum, wo er bis heute ausgestellt wird.

Seitdem die Akten der österreichischen sogenannten „Jakobinerprozesse“ von 1794/1796, unter denen der Prozess Hebenstreit der sensationellste war, öffentlich zugänglich gemacht worden sind, steht als wesentliches Ergebnis der Forschung fest, dass die Prozesse auch nach den gesetzlichen Normen des späten 18. Jahrhunderts nicht einwandfrei waren: Das „Verbrechen“ der Verurteilten bestand nämlich hauptsächlich aus ihren aufklärerischen Überzeugungen. Als konsequente Aufklärer waren sie über den Sturz der absoluten Monarchie in Frankreich im Jahre 1789 begeistert und daher über den Ausbruch des Kriegs gegen Frankreich im Frühjahr 1792 entsetzt. Sie versuchten die öffentliche Meinung gegen diesen katastrophalen Krieg zu mobilisieren und so die kriegführenden Regierungen zu einem Friedensschluss mit dem konstitutionellen Frankreich zu motivieren – unter den damaligen Umständen ein lebensgefährliches Unternehmen. Nach heutigem Verständnis war Hebenstreit ein entschiedener Demokrat und sozialer Utopist, der es wirklich verdient, dass seine Verurteilung aufgehoben, und seinem Kopf eine würdigere Bleibe als das Wiener Kriminalmuseum verschafft werde.

Professor Ehalt wollte mit der Inszenierung einer gesetzlichen Revision von Hebenstreits Urteil in den Wiener Vorlesungen Schritte in diese Richtung anregen. Alexander Emanuelys „Ausgang: Franz Hebenstreit (1747-1795): Schattenrisse der Wiener Demokrat*innen 1794“ wurde in Zusammenhang mit dieser Veranstaltung in Auftrag gegeben, um denselben guten Zweck zu befördern. Kern der Arbeit ist eine populär gehaltene, meist gut lesbare Zusammenfassung der Ergebnisse der neueren österreichischen Jakobinerforschung, die ja bis jetzt noch kaum außerhalb der Kreise gelehrter Spezialisten rezipiert worden sind. Man darf also hoffen, dass das Buch dazu beitragen wird, den Vorläufern der Demokratie in Österreich künftig den ihnen gebührenden Platz im politischen Bewusstsein der Österreicher zu verschaffen.

Der Leser dieser Schrift kann sich über Anklagen und Urteile gegen Hebenstreit und einige seiner Mitstreiter, sowie über deren Aussagen vor den Anklägern informieren. Im Mittelpunkt steht die faszinierende Gestalt Hebenstreits selbst, Emanuely beleuchtet aber auch sein soziales Umfeld mittels locker aneinander gereihten „Schattenrisse“ seiner Bekannten und Freunde. Mit gutem Spürsinn geht er interessanten Einzelheiten nach, die in der bisher erschienenen Fachliteratur vernachlässigt worden sind. Er geht zum Beispiel der Aussage eines Angeklagten nach, wonach Andreas Riedel, neben Hebenstreit der bedeutendste der Wiener Demokraten, zuerst durch seine Bekanntschaft mit dem britischen Offizier Sir Robert Merry in Florenz mit demokratischen Ideen in Berührung gekommen war. Emanuely widmet Merry, der sich später so wie Hebenstreit und Riedel für die Französische Revolution begeisterte, ein eigenes Kapitel. Er zeichnet ein lebendiges Bild von allen Bekanntschaften Riedels, der als wohlhabender Privatier eine Art von demokratischem Salon führte. Zeitzeugen wie Adolf Bäuerle und Caroline Pichler kommen durch ihre Memoiren zu Wort: Bäuerle war als kaum zehnjähriger Knabe zugegen, als die Verurteilten 1795 auf dem Hohen Markt auf der „Schandbühne“ vom Volk verhöhnt wurden. Mit der Anführung derartiger relevanter Einzelheiten gelingt es dem Verfasser, dem heutigen Leser diese fast vergessene Episode aus der österreichischen Vergangenheit näherzubringen. Wir erfahren hier auch etwas über die Zeichen der späten und zaghaften Anerkennung, die das Rote Wien nach 1918 den demokratischen Pionieren zollte, Zeichen, die allerdings nach 1934 schnell wieder verschwanden.

Als leichte und interessante Lektüre über dieses wichtige und bis jetzt zu wenig bekannte Thema aus der österreichischen Geschichte erfüllt Emanuelys Buch seinen Zweck, als Einführung in die historische Literatur weist es jedoch einige Mängel auf. Die Anmerkungen verweisen nur ungenügend und ziemlich willkürlich auf die Quellen, aus denen der Verfasser schöpfte. Das Kapitel über die Freimaurer als „Motor der Aufklärung“ ist zum Beispiel mit einer einzigen Ausnahme von Anmerkungen entblößt. Besonders akut ist dieses Manko in dem Kapitel über den Krainer Siegfried Taufferer, jener österreichische „Jakobiner“, der tatsächlich zusammen mit dem französischen Jakobiner Augustin Robespierre (Maximiliens Bruder) einen Revolutionsplan für einige Regionen der Habsburger Monarchie ausarbeitete. Auf das grundlegende Werk von Dana Zwitter-Tehovnik über die Wirkungen der Französischen Revolution in Krain, in dem Taufferers Leben erschöpfend dargestellt wird, findet sich in diesem Kapitel kein Hinweis. In einer neuen Auflage wäre vor allem die auf S. 29 angeführte Liste der WissenschafterInnen, die die Prozessakten aufgearbeitet haben, und die dazugehörige Anmerkung 16 unbedingt zu ergänzen. Es wäre doch zu wünschen, dass einige Leser das Thema weiter verfolgen werden.

Zu Recht wird heute immer wieder auf die bisher unterbelichtete Rolle der Frauen in der Geschichte verwiesen. Dass aber in diesem Buch buchstäblich bei jeder Erwähnung von Monarchisten, Demokraten, Jakobinern usw. mittels Sternchen an die entsprechenden „Monarchist*innen“ usw. verwiesen wird, stört meines Erachtens erheblich die Lesbarkeit dieses sonst gut lesbaren Buches. Den Herausgebern der Serie, dessen zweiter Band Emanuelys Buch ist, sei daher nahegelegt, sich eine andere Lösung für das Problem der geschlechtlichen Gleichstellung in der historischen Literatur zu überlegen.

(Ernst Wangermann, Rezension für H-Soz-u-Kult. Humanities – Sozial und Kulturgeschichte, Mailingliste der deutschen Geschichtswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, in: H-Soz-Kult, 16.05.2011)


http://www.hsozkult.de/hfn/publicationreview/id/rezbuecher-16187