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Armes Waldviertel

Sechs Versuche zur Zeitgeschichte der Provinz ; Bevölkerung, Zusammenleben, Macht der Gewohnheiten ; Macht, Kultur, Zeitungen

Franz Drach

ISBN: 978-3-85252-038-4
22 x 24 cm, 346 S., zahlr. Ill.: Duplexdr.
€ 37,00
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Kurzbeschreibung

Gewohnheiten. Vom Leben in der Provinz

Seit es Menschen auf der Welt gibt, leben sie in einer gewissen natürlich-kulturellen Umwelt. Ihr Schicksal, ob nun selbst „verschuldet“ oder aufgezwungen oder, wie es wahrscheinlich ist, eine Mischung daraus, interessiert die Nachgeborenen mehr oder weniger. Sogenannte menschliche Schicksale sind leicht vorstellbar und daher auch leicht zu beschreiben, relativ leicht; überhaupt dann, wenn man die Geschichte konkreter Individuen mit der Geschichte der Zusammenhänge, denen der Mensch von der Zeugung an ausgeliefert ist, vergleicht. Daher geht es in den hier folgenden Seiten weniger um einzelne Lebensläufe als um den Versuch, einen kleinen Teil der Lebenswelten, in welchen Schicksale möglich waren, zu beschreiben. Insoferne stellt diese Arbeit einen Anfang dar.

Die kleine Geschichte der provinziellen Umgebungen, Gewohnheiten, Beziehungen, Lebensumstände, die hier rekonstruiert und dargestellt werden, waren meist nebensächliche Zufälle (vor allem im Vergleich mit der Geschichte der sogenannten großen Menschen), es scheint eine Art Nebenwind der Geschichte einige Blätter durch eine Wiese geweht zu haben. Die Blätter fielen und trieben und niemand kümmerte sich darum, weil der Baum sehr weit weg vom regen Betrieb der Welt stand und der Wind abseits der Weltgeschichte wehte. Aber diese paar Blätter und dieser Wind interessieren uns. Sie zu beschreiben, ist im Nachhinein betrachtet der Versuch, die Kultur und den sogenannten Alltag einer kleinen Region, die einerseits eine eigene Welt darstellt, andererseits aber viele merkwürdige Ähnlichkeiten mit anderen kleinen und großen, nahen und fernen Welten aufweist, in den wenigen Bereichen, die uns überliefert sind, zu skizzieren. Wir stellen keinen wissenschaftlichen Anspruch auf Vollständigkeit, weil es sich, wie oben erwähnt, um einen Anfang handelt.

Im menschlichen Leben gibt es Tätigkeiten, die Denken erfordern und Gewohnheiten, die sehr mächtig sind. Wenn die Gewohnheiten durch eingedrohte Ängste verursacht sind, wird der Weg der Betroffenen in eigentümliche, sehr unübersichtliche Pfade geleitet. Wir behaupten, die Wege der Menschen in diesem Teil der österreichischen Provinz wurden durch eingebleute Ängste auf verschlungene Pfade geleitet. Es ist daher nicht immer leicht, die Lebenswelten dieser Menschen historisch zu verstehen. Denn das tyrannisierte Kind wird meist ein vordergründig braver und anpassungsfähiger Erwachsener. Aber in seinen tiefen, geheimen Gefühlswelten schlummern vielfältige Strategien des Handelns. Die Möglichkeiten solcher Verhaltensmuster reichen weit über das vorstellbare Maß hinaus. Der kauzige Sonderling kann so „produziert“ werden, aber auch der übertriebene Ordnungsfanatiker. Oder der auf Horten und Sparsamkeit bedachte „hungrige“ Typ, den wir im Waldviertel so oft vorfinden. Manche wurden von Geiz und Habgier bestimmt und vergaßen darüber zu leben.

Wir behaupten nicht, die Erziehungsdressuren und ihre verheerenden Folgen seien nur in dieser Gegend allein so schrecklich gewesen, doch wir finden sie hier sehr verbreitet. Die Charaktere der Menschen können also nicht leicht historisch analysiert werden, da bei bester Quellenlage zu viele Rätsel um die der Sinnenwelt verborgenen Gefühle der Menschen bleiben. Daher wollen wir uns in dieser Arbeit um einige Analysen der Lebenswelten der provinziellen Menschen bemühen. Unser Blick richtet sich nicht auf die Regierungsdaten von Dorfbürgermeistern und hitzige Provinzwahlkämpfe. Er fällt auf mehr oder weniger ehrliche, mehr oder weniger fleißige kleine Leute, vor allem aber auf ihre kleine Welt, diesen engen Rahmen, der ihr Denken und Fühlen so sehr bestimmte.

Es ist auch ein Blick ohne die vorgegebenen Epochen erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg und Besatzungszeit. Diese Epochen der österreichischen Geschichte wollen wir natürlich nicht wegleugnen, sie werden auch durchaus ab und zu ins Blickfeld kommen. Aber wenn man die Geschichte aus der Welt der Nebenschauplätze und der abseits lebenden Menschen betrachtet, muß man auch andere zeitliche Raster hineinnehmen. So könnte man die Zeit bis zum Ende der Demokratie in Österreich im Jahr 1933 als eine Zeit des Massenelends betrachten. Daran schließt sich die Zeit der staatlichen Allmacht in Form zweier Diktaturen und eines schrecklichen Krieges.

Die Zeit nach dem Krieg könnte man als die Epoche der Umorientierung bezeichnen. Unsere Arbeit endet in ihrem zeitlichen Rahmen an dem Beginn des Massenkonsums; insgesamt also in der vorgegebenen Zeitrechnung ausgedrückt eine exempelhafte Analyse des Lebens von Menschen ungefähr von den Jahren 1890 bis zum Jahr 1960. Wir glauben, dieser Blick sei notwendig, weil Menschen am Ende des zweiten Jahrtausends die reine Nostalgie und der Zeitgeist mit Blindheit geschlagen haben. Diese Blindheit – durch das Gift des Erfolgsdranges und den Hammer des Geldes hervorgerufen – verursacht schwere Fehler in der Einschätzung gewisser Lebensziele. Beispielsweise werden Kinder im frühesten Alter in sogenannte Horte getragen, damit die Eltern mehr Ruhe haben. Anders gesagt, die Beschäftigung mit dem Kleinkind wird fremden Leuten überlassen, weil sie von den Eltern gegenüber anderen Tätigkeiten geringgeschätzt wird. Oder: Urlaub und Auto und viele andere Waren und Dienstleistungen müssen her und dafür wird wie wild gearbeitet, auch wenn dabei die Gesundheit leidet.

Aus diesen Beispielen sehen wir, daß eine Zeit, die den Erfolg und den Wohlstand so hoch schätzt, auch in der Geschichte die Reichen und die Mächtigen und die Erfolgreichen sucht, um sich an ihnen ein Beispiel zu nehmen. Gerade das wollen wir hier nicht tun, wir fallen aber auch nicht in das andere Extrem und suchen die Erfolglosen, Armen und Gestrandeten. Wir suchen, weil es uns um eine Art Zeitdiagnostik geht, einfach die Lebensumstände der Menschen …