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Kurzbeschreibung

Johano Strasser. [Hrsg. von Andrea Welker]


Rezensionen
Henning Sievert: Lesetip: ein neues Essay von Johano Strasser

In letzter Zeit sind einige neue Bücher mit kapitalismuskritischem Inhalt erschienen. Das läßt vermuten, daß Worte, die der alleinseligmachenden Ideologie der Marktwirtschaft widersprechen, nun wieder gehört werden. Am Rande von vielen großen Worten und großspurigen Analysen der einen oder anderen Tendenz hat Johano Strasser ein Heft von gerade 40 Seiten veröffentlicht, das eine Menge Anregungen und Erinnerungen an das Wesentliche enthält. Ohne prätentiös zu einem großen Wurf auszuholen, macht er Mut zu utopischem Denken: “Kann es nicht sein, daß die verbreitete Verzagtheit des Denkens viel gefährlicher ist als eine überbordende soziale Phantasie?”

“Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus.” Dieser Satz von Hannah Arendt wird heute oft als Gruselszenario zitiert und steht am Anfang von Strassers Essay. Er weist jedoch darauf hin, daß der Satz ursprünglich auch mit der Hoffnung verbunden war, den Menschen vom Zwang zur bloßen Existenzsicherung durch Erwerbsarbeit zu befreien und ihm Gelegenheit zur eigenen Entfaltung und zur freien Gestaltung des Gemeinwesens zu geben. Dagegen heißt die wichtigste Forderung nach sozialer Gerechtigkeit vernünftigerweise “Erwerbsarbeit für alle”, aber wie soll sie verwirklicht werden? Der Autor stellt diesem Dilemma die tatsächlich stattfindende Verkürzung der Arbeitszeit gegenüber. Lag die Zahl der wöchentlichen Arbeitsstunden z. B. um 1900 noch bei 60, so unterschreiten die meisten Branchen heute schon nominell 40 Stunden. In vorindustriellen Ökonomien dürfte die Zeit der Erwerbsarbeit noch kürzer gewesen sein.

Die Langzeittendenz zur Arbeitszeitverringerung beruht heute nach Strasser auf der Rationalisierung (Ersetzung von menschlicher Arbeit durch Energie und Organisation) und auf der extrem hohen Produktivität, die gleichzeitig den Absatz der Produkte zunehmend erschwert. Parallel zu einer ständigen Vergrößerung des Sozialprodukts und stetigem Wachstum steigt besonders in den Industrieländern die Arbeitslosigkeit. Durch die immer effizientere Produktion werden die vielen Arbeitskräfte immer weniger gebraucht. Zur Steigerung der Konkurrenzfähigkeit muß rationalisiert werden, “Lean Management” und “Lean State” sind die Hauptursachen der Arbeitsplatzvernichtung (wann kommt die “Lean Society”?).

Strasser setzt die Einsicht voraus, daß kapitalistisches Wachstum auf der Grundlage begrenzter Ressourcen zur Zerstörung unserer Lebensgrundlagen führt; das bedeutet, daß wir uns nicht ökologischen Luxus erlauben können, sondern den ökologischen Notwendigkeiten entsprechend zu handeln haben. Unter den gesammelten Ideen zur Wirtschaftspolitik findet sich nicht nur die Öko-Steuer zur Senkung der Kosten von Erwerbsarbeit, sondern auch der Vorschlag von H. Butterweck, den Arbeitgeberanteil zur Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme statt an den Lohnkosten am Umsatz eines Unternehmens zu orientieren. Auf diese Weise könnten personalintensive Branchen entlastet werden.

Der abkupfernde Blick auf US-amerikanische, japanische und andere “Modelle” zur Verringerung der Arbeitslosigkeit erscheint Strasser nicht sehr hilfreich, ebenso Überlegungen zum sogenannten Bürgergeld (Negativsteuer). Jedenfalls würden solche Maßnahmen nur Symptome kurieren, weil die durch den unbestreitbaren technischen Fortschritt extrem hohe Produktivität menschliche Arbeitskraft zunehmend überflüssig werden lasse. Diese Entwicklung mache auch vor den armen Ländern nicht halt, die zwar vorübergehend von geringen Produktionskosten profitieren könnten, aber auch ein rasch wachsendes überschüssiges Arbeitskräftepotential aufbauen.

Da eine weitere Steigerung der Produktivität wahrscheinlich sei, sei unsere Gesellschaft zu bedeutenden Umstrukturierungen der Arbeit, der Institutionen und der Zeit herausgefordert.

Der Kapitalismus verschafft den meisten arbeitenden Menschen mehr Freizeit, aber was fangen wir damit an? Strasser glaubt nicht, daß die Freizeit mit noch weiter aufgeblähten Angeboten der Erlebnis- und Tourismus-Industrie aufgefüllt wird, weil eine Steigerung des Erlebens im kapitalistischen Sinne vor allem zu einer Steigerung der Frustration führt. Die Behauptung, der Mensch wolle von Natur aus “immer mehr und mehr” könne durch eine Untersuchung der vorindustriellen Verhältnisse widerlegt werden. Leider erwähnt Strasser nicht die dominante Rolle des Fernsehens und anderer Unterhaltungsträger, aber wir dürfen vermuten, daß auch hier ein Sättigungs- und Frustrationseffekt zu beobachten ist.

Eine Änderung unserer Art des Wirtschaftens sei geboten, und zwar nicht nur zur Sicherung des Überlebens. Dies allein könne genausogut zu einer Nach-mir-die-Sintflut-Haltung führen. Nein, ”es gebe etwas zu gewinnen”, wenn es uns gelänge, dem Zwang zum quantitativen Wachstum zu entrinnen. Das heißt: Je weniger fremdbestimmte Arbeit um der materiellen Sicherung willen getan werden muß, desto mehr Zeit bleibt für Emanzipation des einzelnen (z. B. mit partnerschaftlicher Teilung der Hausarbeit), Teilhabe an der Politik (Demokratie als wirkliche Herrschaft des Volkes), schöpferische Eigenarbeit, Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliches Engagement, Teilnahme am ganzen Produktionsprozeß. Schon heute gebe es in manchen Unternehmen Tendenzen zu einer stärkeren Integration von Planung und Ausführung, partnerschaftlicher Mitbestimmung, Beteiligung am Produktivvermögen oder Anreicherung von Arbeitsaufgaben. Die Befreiung von der (fremdbestimmten) Arbeit kann damit zur Befreiung der (dann selbstbestimmten) Arbeit werden.

Die “gern belächelte frühmarxistische Utopie der Aufhebung der Arbeitsteilung” (morgens Jäger, nachmittags Fischer, abends Hirte, nach dem Essen Kritiker zu sein) werde realistisch, wenn “jemand vormittags an seinem heimischen Computerarbeitsplatz Werbebroschüren entwirft, nachmittags den eigenen Haushalt besorgt und abends in der Volkshochschule Englisch unterrichtet”. Vielleicht schaffe der Kapitalismus sogar “selbst die Bedingungen für seine eigene Überschreitung”.

Angesichts der sich abzeichnenden Wissensgesellschaft sei die entscheidende Frage, “ob sich der Geist immer radikaler den ökonomischen Verwertungszwängen des Kapitals unterwirft, oder ob die Menschen auch in dieser Hinsicht das Reich der Freiheit ausweiten können”.

Strasser hat das Büchlein in gut lesbarer Sprache geschrieben und umreißt seiner Ansicht nach wirksame Entwicklungstendenzen der Arbeitsgesellschaft im Umbruch, deren tatsächliche Ausformung in unseren Händen liegt. Aber die schwierige Antwort auf die Frage, wie wir den Übergang zum “Postkapitalismus” bewerkstelligen können, enthält es nicht. Vielmehr ermutigt es dazu, die Chancen der Krise zu nutzen und über die Existenzsicherung hinaus neue Ideen ins Auge zu fassen.

(Henning Sievert, Die Sprotte, [?])


http://www.jusos.uni-kiel.de/sprotten/sprotte8/arbeit.htm