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Kurzbeschreibung


Du warst blau, als ich dich das erste Mal zu Gesicht bekam. Du erschienst mir im Zug, als ich kurz eingenickt war auf der langen Fahrt von Wien nach Nizza, um dort den Millenniums-Silvester mit meinem neuen Geliebten und seinen französischen Freunden zu feiern. Ich erschrak zunächst, weil du so nah und klar umrissen wie nie zuvor mir zulächeltest.

Ich hatte dich schon früher in meinen Träumen gehabt, aber da war immer ich es, die dich rief, und ich hatte vage Antworten empfangen, die ich zu deuten versuchte. Nun zeichnetest du mir erstmals ein Gesicht zu meinen Wünschen, Erwartungen und Fragen.


Rezensionen
Helmuth Schönauer:

Mit dem Mutterglück ist es so eine Sache, knapp am Kitsch angesiedelt zieht dieser Begriff seine Heldinnen oft gnadenlos in die Tiefe, sobald sich diese auf das Mutterglück berufen.

Als gevifte Erzählerin schickt Karin Ivancsics ihre Protagonistinnen jeweils in eine Grenzsituation, dabei ist vielleicht der Status der Mutter insgesamt eine Grenzsituation.

In der Erzählung "Indigo" ist zu Beginn das Leben blau und schön und wunderbar. Im vollen Glücksrausch zu Sylvester wird die Ich-Erzählerin schwanger, die dynamischen Meeresfluten in Nizza haben offensichtlich ihren Lebensplan über den Haufen geworfen.

Nach der Geburt des Kindes wenden sich alle bisherigen Freunde ab, die Un-Karriere als Alleinerzieherin steht ins Haus, zumal sich auch die Gesellschaft mit ihren schönen Verbal-Angeboten im entscheidenden Augenblick zurückzieht. Das fröhliche Indigo zu Beginn der Erzählung geht in die Düsternis eines blauen Endes über, das Kind ertrinkt am Teich und die Mutter wird Tabletten nehmen, um diesem Spuk ein Ende zu bereiten.

In der titelstiftenden Erzählung hat Anna endlich zwei Tage, um an sich selbst das eigene Leben zu spüren. Die Familienmitglieder sind außer Haus, und plötzlich ist die Zeit so dicht, dass Anna gar nicht weiß, wo mit dem Glücklich-Sein beginnen. Aber da kommt unverhofft ihre Freundin und reißt sie mit Erinnerungen an frühere Zeiten aus dem Träumen. Diese Beziehungsgeschichten haben nämlich die seltsame Kraft, alles zu überwuchern und zu ersticken. Vermutlich werden auch weiterhin nur die sogenannten roten Tage etwas Luft bringen, jene Tage, an denen die Menstruation einsetzt und an denen Anna länger im Bett liegen bleiben darf.

Schlüsselbund ist jenes Verhältnis überschrieben, das sich zwischen der Ich-Erzählerin und ihrer Nachbarin Dine entwickelt. Diese Dine ist eine flotte Frau, die alles im Griff hat, ihre Zuneigung ist manchmal von verblüffender Heftigkeit. Aber dann zerrinnt die Maske, Dine ist in Wirklichkeit eine gut getarnte Alkoholikerin und alles Flotte ist Staffage.

Im Text Mutterglück treffen ungewollt Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander. Die Erzählerin hat ihre Mutter zu Gast, diese nervt an allen Ecken und Enden, versteht sich aber mit ihrer Enkelin. Und wie zum Hohn dieser seltsamen Verbindungen stellt sich heraus, dass die Erzählerin selbst gerade dabei ist, Oma zu werden. Mehr braucht es nicht! Da ist das Mutterglück schlagartig fertig.

Karin Ivancsics erzählt genau und unbarmherzig, den Figuren bleibt nichts erspart, alles was hohl klingt, wird abgeklopft und als hohl entlarvt. Als Leser misstraut man den Glücksentwürfen von Familie und Mutterglück in anschwellendem Ausmaß. Und der Blick von den Erzählungen zur Realität fällt immer kürzer aus, denn diese Erzählungen sind die pure Realität.

(Helmuth Schönauer, Rezension für Gegenwartsliteratur [?], 9.7.2008)


http://lesen.tibs.at/node/766