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Kurzbeschreibung

Vera Ferra-Mikura. [Ill. von Renate Habinger und Linda Wolfsgruber]


Lieber Onkel Emmerich,
borg mir einen Ziegenbock,
borg mir deinen Sonntagsrock,
borg mir deinen Zauberstock.

Mit dem Bock und dem Rock und dem Stock
möcht' ich heute Abend gern
wandern zum Abendstern.

Lieber Onkel Emmerich,
borg mir deinen Schimmel.
Eins, zwei, drei, dann reite ich
durch den ganzen Himmel.

Ich könnt dir dafür bis morgen
meinen Hampelmann,
ein Schweinchen aus Marzipan
und das hölzerne Schaukelpferd borgen.



Alles hat einmal begonnen: die Wüste Radschistan, die Wüste Bajadan, der Mammutzahn, wann begann der Ozean. Wann begann der Menschheit Kinderzahn. Wann fing die Wüste Raschistan zu stauben an?



Vera Ferra-Mikura (1923 - 1997) gehört zur älteren Generation der bekannten österreichischen Kinderbuchautorinnen. Sie unterscheide nicht zwischen dem Schreiben für Kinder oder Erwachsene, meinte sie einmal. Ihr magischer Realismus zieht wohl beide in Bann bei diesem Buch, das Renate Habinger und Linda Wolfsgruber originell illustriert haben: karg schwebende Bilder – auf einem Daumen sitzt ein Stern, Schornsteine verkohlen Blätter, ein Mensch schwebt zwischen Wolkenkratzern.


Rezensionen
Karin Haller: Bären im Straßenverkehr

Im Zirkus will man einen guten Platz, um besser sehen zu können. Bei Büchern ist das anders, beim Lesen gibt es keinen besseren oder schlechteren Platz: „Jeder, der ein Buch liest, sitzt ganz vorne. Er kann alle Ereignisse aus der Nähe beobachten. Er sieht jede Bewegung. Er hört jedes Wort. Er hört sogar das leiseste Flüstern“, heißt es im Vorspann.

Genau das ist das Fall bei dieser wunderbaren Ausgabe mit fünf erzählenden Gedichten der 1997 verstorbenen großen österreichischen Kinderbuchautorin. Hier gibt es keine lauten Töne, es wird leise gesprochen, es gibt keine großen Gesten, sondern zarte, behutsame Bewegungen.

Doch weil man als Leser eben ganz nah dran ist, lösen diese zurückgenommenen Töne starke Gedanken und Gefühle aus: In überzeugend schlichter, tiefgründiger und sehr poetischer Lyrik beschäftigt sich Vera Ferra-Mikura mit der Frage nach den Anfängen allen Seins, mit der unendlichen Vielfalt von Individualität, sie erzählt von Bären im Straßenverkehr oder von Elfen und Elfenbein, und sie bietet dem Onkel Emmerich Spiel*sachen im Tausch gegen Ziegenbock und Zauberstock an. Denn damit will die Ich-Erzählerin dieses Gedichts bis zum Abendstern wandern, und mit des Onkels Schimmel will sie durch den ganzen Himmel reiten …

Gelungene Zusammenarbeit
Nicht nur die Texte beeindrucken in ihrer reduzierten Prägnanz; es sind vor allem auch die Illustrationen, die einen dazu bewegen, den schmalen Band immer wieder zur Hand zu nehmen.

In selten so stattfindender und selten so gelungener Zusammenarbeit haben zwei der renommiertesten Bildkünstlerinnen Österreichs Ferra-Mikuras Lyrik zum Ausgangspunkt ihrer freien Assoziationen genommen. Renate Habinger und Linda Wolfsgruber scheinen hier Seelenverwandte zu sein, machen eine sichere Zuordnung der Bilder zu einer von beiden schwer – und auch irrelevant.

Die Illustrationen bewegen sich unter Verwendung unterschiedlichster Techniken auf hohem handwerklichem und ästhetischem Niveau, da wird gedruckt und gerissen und gezeichnet, ausgeschnitten und geklebt. Wie die Gedichte sind sie ruhig und doppelbödig, Grau in allen Schattierungen wird mit pointiert gesetzten Orange- und Rottönen kontrastiert. Auch die Bilder richten ihren Blick auf die Details, da bekommen Knöpfe und Kannen Beine, und auf den Fingern der von eins bis fünf zählenden Hand, die die Texte einbegleitet, tanzen die erstaunlichsten Dinge.

Ein illustriertes Kinderbuch vom Feinsten für alle, die gerne genauer hinschauen und zuhören wollen.

(Karin Haller, Rezension in: Die Furche Nr. 10/09, 5.3.2009)


http://www.furche.at/system/downloads.php?do=file&id=1232

Lukas Bärwald: Kröte des Monats Juni 2009

Die Verbundenheit mit der literarischen Tradition Österreichs wird von Seiten der Wissenschaft häufig als eine der zentralen Charakteristika von Vera Ferra-Mikura genannt. Dass nun in der Bibliothek der Provinz fünf erzählende Gedichte mit Bildern von zwei der renommiertesten österreichischen Illustratorinnen der Gegenwart erschienen, fügt sich nahtlos in dieses Bild ein. Renate Habinger und Linda Wolfsgruber erweitern durch ihre in Grau- und hellen Rottönen gehaltenen Zeichnungen, Fotografien, Drucke und Collagen den Interpretationsrahmen der Texte der 1997 verstorbenen Künstlerin.

"Phantasie mobilisieren, die Welt verbessern, Illusionen erzeugen, Träume realisieren, der menschlichen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten." Dies nannte Ferra-Mikura in einem Interview als mögliche Gründe dafür, schriftstellerisch tätig werden zu wollen. Und so bilden das Changieren zwischen Wirklichkeit und Traum sowie das konfliktbehaftete Aufeinandertreffen der ursprünglichen Natur und der im ständigen Wandel begriffenen Kultur des Menschen die inhaltlichen Eckpfeiler, zwischen denen sich Text und Bild bewegen. Der Wunsch, durch das eigene Schaffen Veränderung in der Welt in Gang zu setzen, findet sich in der Themenwahl und Erzählperspektive widergespiegelt: Es geht darin unter anderem um existenzielle Fragen nach dem Beginn des Lebens und der Verbundenheit aller Menschen durch ihre Unvollkommenheit und die daraus resultierenden Ängste, Wünsche und Träume. Das Motiv der ständigen Abhängigkeit, Beeinflussung und Gemeinschaft zieht sich dabei als roter Faden durch die Gedichte und ihre Illustrationen. Ferra-Mikura verwebt zum Beispiel im abschließenden "Elfen, das hab ich gelesen," die Ebenen von Phantasie-, Tier- und Menschenwelt und baut mit besonderer Rücksicht auf die akustische Qualität ihrer Sprache bei den LeserInnen zuerst ein Gefühl der Eintracht und Harmonie auf (zwischen Elfe und Elefant), nur um es umso effektvoller auf inhaltlicher und klanglicher Ebene in der letzten Strophe in sein Gegenteil zu verkehren:

„Wie kann der Mensch es erwerben? [das Elfenbein]
Er lässt die Dickhäuter sterben.
Im Laufe der Zeit hat er unverdrossen
Tausende Bullen abgeschossen.“


Die weichen und harmonischen Laute und speziell Reime der ersten beiden Strophen werden hier durch einen dunklen und scharfen Sprachklang kontrastiert, der Text wird an seinen dramatischen Höhepunkt geführt.

Für die thematische Vermischung von Natur und Kultur wirkt die Wahl der beiden Illustratorinnen mit ihren typischen Stilmerkmalen optimal: Während Renate Habinger Großteile ihrer Bilder aus Pflanzenteilen gestaltet und eine Vielzahl gezeichneter Tiere ihren Bildraum bevölkern lässt – der für sie fast schon zum Markenzeichen gewordene Ziegenbock (unter anderem auf dem Cover der Erzählsammlung „Björn, Laura, Thomas und Kathrin“ oder zuletzt im gemeinsamen Liederbuch mit Gerda Anger-Schmidt und Susanna Heilmayr zu sehen) hat einen weiteren Auftritt –, bringt Linda Wolfsgruber in ihren collagierten Illustrationen immer wieder bearbeitete Papier- und Fotoausschnitte zum Einsatz.

Dieser Lyrikband vereint drei herausragende österreichische Künstlerinnen, deren individuelles Schaffen in einer faszinierenden Symbiose vereint wird. "Alles hat einmal begonnen", lautet der Titel des ersten Gedichts, und die Vielfalt der gebotenen Lektüreanreize scheint beinahe endlos.

(Lukas Bärwald, Rezension für die Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur auf deren Webseite, 2009)


http://www.stube.at/buchtipps/kroeten2009.htm

Wendelgard Beikircher:

„1,2,3 dann reite ich …“ ist ein kleinformatiger Band von höchster grafischer und ästhetischer Qualität, in den man selbst mit dem Vorspann, der das Buch selbst als Medium in den Vordergrund rückt, einsteigt: Jeder, der ein Buch liest, sitzt ganz vorne. Er kann alle Ereignisse aus der Nähe beobachten. Er hört jedes Wort. Er hört sogar das leiseste Flüstern.

Präsentiert werden 5 feinsinnig ausgewählte Gedichte für Kinder von Vera Ferra-Mikura. Als großes Buchprojekt konzipiert, das die Arbeiten der Illustratorinnen Habinger und Wolfsgruber zu Texten der Autorin für Kinder und Erwachsene umfasst, ist dies eine kleine Auswahl davon in neuer grafischer Gestaltung, die das Buch - auch wegen der schönen aufgerauten Struktur des Papiers - zum bibliophilen Genuss werden läßt. Es beinhaltet durchaus zeitgemäße lyrische Texte, die einfach, gegenständlich, phantasievoll und doch kritisch sind und vom Anbeginn allen Seins, der Einzigartigkeit jedes Einzelnen, vom Bären in der Großstadt und von Elfen und Elefanten handeln. Der lustvollen, spielerischen Experimentierfreudigkeit der Gedichte folgen die Bilder mit abwechslungsreichem Layout, assoziativen Bildideen und dekorativen Details: ein ästhetischer Hochgenuss gedruckt, geklebt, geschnitten, fotokopiert, gerissen, mit Scherenschnitten und Schablonen. In abschattierten Grautönen sind die Illustrationen luftig in den leeren Raum gestellt und in Orangerot entsprechende Akzente in den prägnanten Bildkompositionen gesetzt, die einzigartige Welten eröffnen. Hier ist eine künstlerisch herausragende Auseinandersetzung der beiden Illustratorinnen mit den Kindergedichten der Autorin gelungen. Die wenigen Zeichnungen, als kleine, versteckte Ergänzungen eingefügt, lassen die persönlichen, unterschiedlichen Handschriften gegenüber ihrem ersten gemeinsamen Buchprojekt "es war einmal" zum Thema "Märchen" (2000), immer weniger erkennen und unterstreichen eindrücklich die gemeinsame Lust am Spielerischen.

(Wendelgard Beikircher, Rezension in: 1000 und 1 Buch, 2/2009)


Barbara Sengelhoff:

"Bei Büchern ist das anders, beim Lesen gibt es keinen besseren oder schlechteren Platz: Jeder, der ein Buch liest, sitzt ganz vorne. Er kann alle Ereignisse aus der Nähe beobachten. Er sieht jede Bewegung. Er hört jedes Wort. Er hört sogar das leiseste Flüstern."

So beginnt das bibliophile Buch, in dem die mehrfach ausgezeichnete Dichterin Vera Ferra-Mikura (1923 - 1997) in fünf leisen, lyrischen Texten die Frage nach den Anfängen des Seins und des individuellen Andersseins stellt. Ihr Blick richtet sich auf die Fragen der Kinder an die Welt: Elfen und Elfenbein - was hat das miteinander zu tun? Elfen schweben leicht in der Luft, für Elfenbein werden Elefanten erschossen! Die Illustratorinnen Linda Wolfsgruber und Renate Habinger nehmen das Zarte auf. Beide nutzen unterschiedliche Techniken, verharren in zarten Grautönen von Zeichnung, Druck und Collage. Der Leser wird zu genauem Betrachten und Hören des leisen Flüsterns fast gezwungen: Pflanzen umrahmen kleine Zeichnungen, eine Kinderhand, auf der erstaunliche kleine Gegenstände tanzen, zählt die Gedichttexte. Ein erstaunliches Buch - zum Genießen und darüber sprechen: Sprache und Illustration fordern heraus. Einfach schön.

(Barbara Sengelhoff, Rezension in: Deutsch differenziert, April 2010)


Marianne Ilmer Ebnicher: Aller guten Dinge sind …

Von engagierten Jurys und Büchern

Dieses Bilderbuch (Lyrik für Kinder) ist eine Hommage an die 1997 verstorbene österreichische Schriftstellerin Vera Ferra-Mikura. Ihre Kinderliteratur ist vom sogenannten magischen Realismus geprägt, von einer künstlerischen Strömung also, die seit den 1920er Jahren vor allem im Gebiet der Malerei und der Literatur in einigen Ländern Europas sowie Nord- und Südamerikas vertreten war.
Linda Wolfsgruber und ihre Künstlerkollegin Renate Habinger aus Wien haben die Gedichte, die sich unter anderem mit der Schöpfungsgeschichte beschäftigen, in atmosphärisch dichte Bildelemente verarbeitet. Die herzförmigen Blätter des Hirtentäschelkrauts werden zu zarten Elfen, der orange Kürbismond birgt in sich seine Sichel, der Bär, der sich im Gedicht in die Großstadt gewagt hat, wird sinnlicherweise im Bild in sein gewohntes und schützendes Umfeld - die Natur - entlassen. In diesen Illustrationen ist viel Ruhe und Kraft und Freude am kreativen Spiel mit Techniken und Assoziationen.

(Marianne Ilmer Ebnicher, Rezension in: Kulturelemente Nr. 101, Februar 2012)


http://kulturelemente.files.wordpress.com/2012/02/kultur_elemente_layout_nr-101.pdf