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Anna Kristek-Laimer


Österr. Schriftstellerin, 1895 - 1965


Hermann Demel-Freischmied: Frau Anna Kristek-Laimer - ein tragisches Dichterschicksal

Am Ende der vorigen Woche bot das Schaufenster des Ischler Heimatvereines ein erschütterndes Bild. Auf violettem Samt standen beiden Werke “Der Hof im Windhag" und “Das verschlossene Tal" der Dichterin Anna Kristek-Laimer, deren Bild und Trauerparte, umgeben von Blumen, die Mitte bildeten. Auf diese vornehme Art teilte der Verein, dem auch die Schriftstellerin seit langem angehörte, der Bevölkerung mit, daß diese oberösterreichische Heimatdichterin vom Tode ereilt wurde. Anna Kristek wurde am 20. Mai 1895 in Großlupp bei Laibach geboren. Der Vater war Bahntechniker und Materialverwalter einer großen Baufirma, die in vielen Ländern mit dem Bau von Eisenbahnen beschäftigt war. So kam es, daß die Familie Kristek ihren Wohnsitz oft ändern mußte. Vater Kristek war ein sehr gebildeter Herr der auch schriftstellerisch tätig war und sieben Sprachen beherrschte. Er pflanzte in die junge Anna die Liebe zum Schrifttum und las dem Kinde oft aus den Werken großer Dichter vor.

Aber bald starb die Mutter, das Kind konnte nicht mehr beim Vater bleiben und kam in ein Kloster zur Erziehung. Dort - in Maria-Saal bei Klagenfurt - erwarb Anna Kristek das praktische Wissen einer künftigen Hausfrau. Sie drang aber auch ein in die musikalische Welt und wurde eine vorzügliche Klavier- und Orgelspielerin. Ab und zu schrieb sie kleine, liebe Gedichte.

Die Heimat ihrer Eltern war Teplitz-Schönau, aber da der Vater gezwungen war, wieder zu heiraten, suchte die, junge Anna, als sie die Schule verließ, eine Stelle als Organistin und fand eine solche in Lofer, im Salzburgischen. Nebstbei arbeitete sie in anderen Fächern, als Hilfslehrerin und besonders fleißig machte sie schöne Handarbeiten, Kunststickereien und ähnliches. Auch als Gesellschaftsdame und Reisebegleiterin einer hohen Aristokratin diente Anna Kristek, wurde dann Organistin in Leogang (Tirol), kam aber wieder nach Lofer zurück.

Und dort erfüllte sich der erste Teil ihres Schicksals. In Lofer war 1926 eine neue Bank gegründet worden und es kam ein junger Ischler Bankbeamter dorthin, der Josef Laimer hieß. Aus der anfänglich kulturellen Verbindung zwischen beiden erwuchs innige Freundschaft. Ein Jahr später standen die beiden jungen Leute vor dem Traualtar.

Nun wurde Anna eine Wahl-Ischlerin, zog mit ihrem Gatten in dessen Heimat und nannte sich Kristek-Laimer. Die Eltern des Gatten besaßen ein Haus gegenüber dem Spital und ein kleines Kaufgeschäft, in welchem die junge Anna mithelfen konnte. Das ging, alles gut bis zum Zweiten Weltkrieg, in dem Josef Laimer zu den Waffen gerufen wurde. Anna schrieb ihrem Gatten fast jeden Tag an die Front. Und diese Beweise der Anhänglichkeit waren so stilvoll, daß die dichterische Natur der Briefschreiberin unverkennbar war.

Als Josef Laimer nach dem Krieg wieder in die Heimat zurückkam und die Dinge scheinbar ihren gewöhnlichen Lauf nahmen, da begann Anna Kristek-Laimer einen Roman zu schreiben, der aus dem Leben der Familie ihres Gatten geschöpft war und den sie den „Hof im Windhag“ nannte. Der brachte ihr viele neue Freunde. Die finanzielle Auswirkung war freilich gering. Aber ein innerer Drang veranlaßte Anna Kristek-Laimer, die nun als eine wirkliche, echte Dichterin erkannt war, weiterzuschreiben. Der nächste Roman, betitelt "Elisa Florin" schilderte ein Frauenschicksal und behandelte ein soziales Motiv. Es fand sich dafür leider kein Verleger. Vielleicht war die Dichterin mit ihrem Werk Ihrer Zeit zu weit vorausgeeilt.

Und nun begann Frau Kristek-Laimer, nach vielen anderen Versuchen und nach einer Reihe von Kurzgeschichten, Schilderungen und Gedichten, am Roman Ihres Lebens zu arbeiten. Sie beschrieb Land und Leute in Lofer, dem salzburgischen Gebirgsort, und es wurde eine wuchtige Schilderung. Aber trotz allem Suchen fand sich vorerst kein Verlag, der es unternehmen wollte, das schöne Werk herauszubringen. Diese Erfolglosigkeit ihres ungemein fleißigen Schaffens drückte schwer auf den Lebenswillen der Dichterin. In dieser Zeit vergeblichen Suchens nach Gönnern und Förderern, in dieser Zeit ständiger, ermüdender Zurückweisung und, qualvoller Enttäuschung wurde die Dichterin herzleidend. Scheinbar waren alle ihre, Bemühungen nutzlos gewesen. Der Roman „Das verschlossene Tal", an dem die Dichterin einige Jahre gearbeitet hatte, sollte anscheinend ungedruckt bleiben.

Im Jahre 1963 aber macht sich endlich ein Wiener Verlag erbötig, den Roman zu übernehmen. Voraussetzung war allerdings die Beibringung des Nachweises von mehr als 300 in Subskriptionswege verkauften Bücher des Romanes. Diese Art der Vorwerbung ist leider gerade in Österreich typisch für unser Verlagswesen. Nur selten findet ein Schriftsteller einen finanzkräftigen Verlag, der ihm diese Vorwerbung erlassen kann Frau Kristek-Laimer hatte sich gerade zu dieser Zeit - es war im Winter gewesen - einen Arm gebrochen. Dennoch zog sie in Ischl und Umgebung von Haus zu Haus und warb ihren kranken Arm in der Schlinge tragend, für ihr Buch. Auf diese unendlich mühselige Art die wieder verbunden war mit vielen Kränkungen und Enttäuschungen erwarb sich die Dichterin das Recht, wenigstens von einer kleinen Lesergemeinde wirklich beachtet zu werden. Und alle die damals die Werbeliste dieser herzensguten Frau unterzeichneten sollen es wissen, daß sie damit ein sehr gutes Werk taten. Und so kam der Roman "Das verschlossene Tal" heraus, leider nur in einer kleinen Auflage. Aber alle, die das Buch lasen, waren beeindruckt vom Gedankenreichtum der Dichterin. Das war eine hohe Freude für Frau Anna Kristek-Laimer und für ihren Mann, mit dem sie nun schon fast vier Jahrzehnte in glücklichster Ehe lebte.

Mit der Veröffentlichung des "Verschlossenen Tales" schien die Lebenskraft der Dichterin, die schon seit Jahren zuckerkrank war, erschöpft zu werden. Vor zwei Monaten brach sich die arme Frau in der Ischler Pfarrgasse durch Ausgleiten einen Oberschenkel. Das Bein mußte im Krankenhause genagelt werden. Es traten zudem Wunden zutage, die wegen des Zuckergehaltes des Blutes nicht heilten. So versickerte das Dasein dieser Dichterin langsam und unter Schmerzen. So sehr man sich bemühte, ihr Leben zu erhalten, entschlief Anna Kristek-Laimer am 14. Jänner nach Empfang der heiligen Sterbesakramente gottergeben.

Als ihre entseelte Hülle am Montag unter großer Beteiligung der Bevölkerung zu Grabe· getragen wurde und der Sarg unter den vielen Blumen fast verschwand, da sagte der Priester, daß bei so vielen Menschen die irdischen Wünsche nicht erfüllt werden, daß leider so oft „die Rechnung nicht aufgeht", daß aber der Herrgott im Jenseits alles gerecht vergüten wird. Dies ist wohl recht und richtig. Frau Anna Kristek-Laimer hatte einen guten Kampf gekämpft und mit aller Tatkraft und allem Fleiß versucht, das ihr von Gott gegebene hohe Talent zu verwerten. Dafür zeugen ihre Werke.

(Hermann Demel-Freischmied, Nachruf auf Anna Kristek-Laimer erschienen in: Salzkammergut-Zeitung, 21. Jänner 1965, S. 7)



Bücher

Der Hof in Windhag

ISBN: 978-3-99028-317-2
21 x 15 cm, 308 S., Ill., Hardcover
€ 24,00
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